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Coras Schreibtisch

Die Universität Hamburg bietet im September 2017 eine Sanskrit Summer Class an.

Der Kurs richtet sich an Studierende des Sanskrit mit mindestens einjähriger Erfahrung.
Schwerpunkte der Summer Class sind Hören und Sprechen der Sprache sowie Textlektüre und Grammatik an deren Beispiel.

Professor Dr. K. Maheswaran Nair, Jahrgang 1948, verfügt über mehr als 35 Jahre Erfahrung im Unterrichten von Sanskrit. Er ist seit seiner Emeritierung Hon. Director des Centre for Vedanta Studies der University of Kerala in Trivandrum und unterrichtet bis heute internationale Studierende aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Indonesien, Iran, Italien, Japan, Rumänien, Russland und den USA. Seine Methode, Sanskrit zu unterrichten, ist dabei so einfach wie systematisch: Seine Unterrichtsstunden formt er nach dem Modell der Methode von Wagner und Ovsienko, die weltweit Beachtung gefunden hat.
Professor Nair ist spezialisiert auf Sanskrit-Literatur und -linguistik mit dem Schwerpunkt Vedanta und erwarb einen PH. D. für Sanskrit mit dem Schwerpunkt Advaitevedanta. Er spricht fließend Sanskrit – genauso wie Englisch, Russisch, Deutsch, Hindi, Tamil und seine Muttersprache Malayalam.

Der Unterricht findet jeweils montags bis freitags in der Zeit vom 18.09.2017 bis 29.09.2017 immer von 09:00 – 15:00 Uhr statt.

Weitere Informationen zum Kurs sowie zu den Anmeldemöglichkeiten finden sich auf der Website der Sanskrit Summer Class im Rahmen der Webpräsenz der Universität:

Sanskrit Summer Class Hamburg 2017

Sanskrit Mantras für Peggy

Posted by Cora on 3. Februar 2017
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An Sanskrit gewöhnt man sich am besten durch die tägliche Konfrontation, und am liebevollsten geschieht dies durch die Musik. Kirtan, so sagen die Yogis, öffnen das Herz und verleihen Gefühlen und Empfindungen Ausdruck. Aus dem Kirtan-Buch von Yoga Vidya: “In nahezu allen spirituellen Traditionen nimmt das Singen von religiösen Liedern einen wichtigen Stellenwert ein. Höheres Bewusstsein ist eine Erfahrungssache, nicht nur eine Glaubensfrage. Es ist eine jedem Menschen innewohnende Fähigkeit.”

Gayatri, Quelle: wikipedia commons (lizenzfrei)

Gayatri Mantra

 

ॐ भूर्भुवः स्वः ।तत्सवितुर्वरेण्यं ।भर्गो देवस्य धीमहि ।धियो यो नः प्रचोदयात्

 

 

ॐ भूर्भुवः स्वः ।तत्सवितुर्वरेण्यं ।भर्गो देवस्य धीमहि ।धियो यो नः प्रचोदयात् ॥

oṃ bhūrbhuvaḥ svaḥ ।tatsaviturvareṇyaṃ ।bhargo devasya dhīmahi ।dhiyo yo naḥ pracodayāt ॥

Quelle und Übersetzungshilfen: Gayatri Mantra auf wikipedia.de

 

Lernvideo (Englisch)

 

 

 

 

Mahamrityunjaya Mantra (“Om tryambakam”)

 

 

त्र्यम्बकं यजामहे सुगन्धिं पुष्टिवर्धनम् |

tryambakaṃ yajāmahe sugandhiṃ puṣṭi-vardhanam
urvārukam-iva bandhanān mṛtyor-mukṣīya mā’mṛtāt

Hintergrundinformationen und Übersetzung 

BABEL -
Wenn der Schmetterling mit dem Flügel schlägt

Foto: Tobis Film

Wen interessiert es, wenn in China ein Sack Reis umfällt? In Zeiten der Globalisierung können kleine Ereignisse weltumspannende Konsequenzen haben. Die Welt ist zusammengerückt – und scheitert an ihrem Mangel an Gemeinschaftlichkeit und Kommunikation. Der neue Film von Kultregisseur Alejandro Gonzáles Iñárritu („Amores Perros“, „21 Gramm“) erzählt vom Flügelschlag des Schmetterlings – und seinen fatalen Folgen.

Im Hinterland Marokkos: Voller Stolz haben die jungen Ziegenhirten Ahmed und Yussef aus den Händen ihres Vaters das Jagdgewehr erhalten, mit dem sie die familieneigene Herde fortan vor gefräßigen Schakalen bewahren sollen. Um die Reichweite der Flinte auszutesten, schießen sie probeweise auf einen entfernt vorbeifahrenden Reisebus. Und sind enttäuscht, als der Schuss zunächst ohne Folgen zu bleiben scheint. Wenig später hält der Bus jedoch an, weil einer der Passagiere schwer verwundet wurde, und eine Lawine, die niemand der Protagonisten noch kontrollieren kann, nimmt ihren Lauf.

Foto: Tobis Film

 

 

 

 

 

 

 

Der Bus transportierte eine Gruppe amerikanischer Touristen, unter ihnen auch das in die Jahre gekommene Ehepaar Richard (Brad Pitt) und Susan (Cate Blanchett), die sich seit dem Tod ihres jüngsten Kindes nicht mehr viel zu sagen haben. Susan ist diejenige, die durch den Schuss verletzt wurde, und Hilfe ist weit in der marokkanischen Felswüste. Ein Einheimischer bringt das Ehepaar in seinem Zuhause unter und versorgt Susan mit dem Notwendigsten, und dann bleibt nur noch, auf Hilfe zu warten. Ein Anruf bei der amerikanischen Botschaft bewirkt zwar ein internationales Medienecho. Aufgrund der Befürchtung diplomatischer Verwicklungen, schließlich könnte es sich ja um einen terroristischen Anschlag handeln, bleibt der Rettungshubschrauber jedoch vorerst aus.

Durch diese Verzögerung tut sich für Amelia, das Kindermädchen des Ehepaars, die im fernen San Diego die Geschwister Debbie und Mike betreut, ein großes Problem auf: Am nächsten Tag heiratet ihr Sohn in Mexiko, aber wer soll in der Zwischenzeit auf die Kids aufpassen? Amelia beschließt, die zwei einfach mitzunehmen. Amelias Neffe Santiago (Gael García Bernal, „La Mala Educación“, „The Science of Sleep“) befürchtet Ärger – und soll Recht behalten.

Im turbulenten Tokio begleiten wir derweil die lebenslustige Taubstumme Chieko durch ihren Tag und die anschließende Nacht. Das ausgelassene Mädchen erlebt mehrfach die Enttäuschung, von ihrer männlichen Umwelt missverstanden oder ignoriert zu werden. Als ihr in einer Diskothek auch noch ihre beste Freundin ihren Favoriten vor der Nase weg schnappt, beschließt sie, doch den jungen Polizisten zurück zu rufen, der ihr ein paar Fragen zu ihrem Vater stellen wollte. Sie ahnt nicht, dass es der Polizei diesmal nicht um den kürzlich erfolgten Selbstmord ihrer Mutter geht, sondern um ein Jagdgewehr, welches der Vater im Urlaub einem marokkanischen Ziegenhirten schenkte.

Bilder sagen mehr als tausend Worte, und ein guter Kinofilm bestätigt diese eherne Regel. Eine Geschichte, die sich nicht nur durch mehrere kunstvoll miteinander verknüpfte Zeitebenen schlängelt, sondern zudem ganze Kontinente miteinander verbindet und auch wieder trennt, kann nicht durch ausgefeilte Drehbuch-Dialogzeilen überzeugen, sondern nur durch eine konsequent umgesetzte, global verständliche Kameraführung.

Foto: Tobis Film

 

 

 

 

 

 

 

BABELs Bilder bewegen sich in einem all-umspannenden Hyperraum, der sich den einzelnen Erzählebenen immer wieder mikroskopisch sezierend nähert, nur um sich gleich darauf durch das Auflösen der Räume zu entfernen. Der Oscar-nominierte Kameramann Rodrigo Prieto („Brokeback Mountain“) schlüsselt einzelne kulturelle Unterschiede in ästhetisch verstörende Sequenzen auf und visualisiert übergreifend das allen weltweit verstreuten Protagonisten eigene Grundproblem: Die erfolglose Kommunikation.

Foto: Tobis Film

 

 

 

 

 

 

 

Der Regisseur Gonzáles Iñárritu formuliert sein hoch gestecktes Ziel so: „Oberflächlich betrachtet kann man sagen, dass es in BABEL um das Scheitern von Kommunikation geht. Für mich geht es darüber hinaus auch darum zu zeigen, wie verletzlich wir als menschliche Wesen sind. Wenn eine Kette reißt, liegt das nicht am schwächsten Glied, sondern an ihrem Gesamtzustand.“ Den Filmtitel BABEL hat er gewählt, weil dieser das gesamte Konzept menschlicher Kommunikation – ihre Ziele, ihre Schönheit und ihre Probleme – in einem Wort ausdrückt. Eine hehre Aufgabe bravourös gemeistert – nicht umsonst erhielt der Regisseur für den Film die Goldene Palme von Cannes.

Corinna Kahl · Fotos: TOBIS Film 

 

 

Dieser Artikel erschien zunerst im Januar 2007 in der “Im Endeffekt” Ausgabe 12.

 

Zu christlichen Mysterien

Posted by Cora on 17. Dezember 2013
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Warum Mysterien – warum nicht gerade heraus mit der Wahrheit?

Keine andere Religion hat unsere heutige, westliche Gesellschaft so geprägt wie das Christentum. Wir wachsen mit Weihnachten und Ostern auf, und die zehn Gebote sind vielen von uns so geläufig wie das schon sprichwörtliche sonntägliche Amen in der Kirche. Von der Wiege (Taufe) bis an die Bahre (Beerdigung) durchziehen christlich geprägte Riten und Rituale unser Leben. Wir richten uns nach den Anweisungen Gottes mal mehr („du sollst nicht töten“), und mal weniger („du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“).

Die allgegenwärtigen Diskussionen zum Einfluss des Islam in Deutschland und zum Tragen von Kopftüchern haben dazu geführt, uns allen noch einmal bildhaft vor Augen zu führen, dass die Bundesrepublik weiß Gott (!) kein laizistisches Land mit strenger Trennung von Staat und Religion ist: In vielen Klassenzimmern wird weder die deutsche Nationalhymne gesungen noch hängt ein Bild des derzeitigen Bundespräsidenten an der Wand, stattdessen finden sich dort merkwürdige Holzsymbole mit einem leidenden Mann darauf, während ganzkörperverhüllte Frauen mit ebendiesen Holzsymbolen um den Hals die Kinder unterrichten – dürfen.

Das Christentum steht für Nächstenliebe und Toleranz – jedenfalls war das früher mal so angedacht. Dennoch haben viele Menschen heutzutage Probleme mit so einigen seiner Dogmen, was die ständig steigenden Kirchenaustritte und die sonntäglich-leeren Kirchenbänke eindrucksvoll illustrieren. Da ist die Rede von der jungfräulichen Geburt, von der Dreifaltigkeit (Vater, Sohn und Heiliger Geist), von Sünden, die nur ein richtender Gott vergeben kann und vom ewigen Leben, dass allein denen vorbehalten sein soll, die den Regeln dieses Gottes vorbehaltlos folgen. Rational ist das Christentum geworden, seiner spirituellen Inhalte entleert und konzentriert auf die Aufrechterhaltung der blinden Gefolgschaft seiner Anhänger. Diese Worte klingen hart, aber besieht man sich ein paar der Christlichen Mysterien (von denen viele heute längst in Vergessenheit geraten sind) einmal genauer, dann zeichnet sich plötzlich ein völlig anderes Bild dieser Religion, die sich auf die Worte eines außergewöhnlichen Mannes begründete, den sie damals um die Ecke brachten. Bloß weil er der Meinung war, es sei doch zur Abwechslung einmal ganz nett, wenn die Leute alle lieb zueinander wären und sich nicht mehr bei jeder Gelegenheit die Köppe einhauen würden.

In der menschlichen Frühzeit waren die Religionen und die Ausrichtungen des menschlichen Miteinanders matriarchalisch, d.h. von Frauen bestimmt. Frauen waren diejenigen, die für den Nachwuchs verantwortlich waren, und damit hatten sie die Macht. Eine Macht übrigens, die sie längst nicht so dominant einsetzten, wie es ihre männlichen Nachfolger taten, sobald diese kapiert hatten, dass auch sie beim Nachwuchs ein Wörtchen mitzureden hatten. Erst, als die männliche Hälfte dies nämlich begriffen hatten – und von da an sowohl Weib als auch Kind als ihr persönliches Eigentum betrachteten – war Schluss mit lustig. Die harmonischen und friedvollen Zeiten waren unwiederbringlich verloren. Von da an regierte das Recht des Stärkeren. Da konnten die Frauen natürlich nicht mehr mitreden.

Das Christentum in seiner ursprünglichen Daseinsform, so wie Jesus sich das damals dachte, vereinte sowohl männliche als auch weibliche Prinzipien. Jesus, davon ist die Verfasserin überzeugt, war sich damals schon bewusst, dass eine gesund funktionierende Gesellschaft weder auf männliche noch auf weibliche Elemente verzichten konnte – und dass das Geheimnis eines glücklichen Miteinanders und des spirituellen Wachstums jedes einzelnen in einer harmonischen Ausbalancierung beider Elemente liegt. Jesus hatte nur nicht mit Leuten wie Paulus und Konsorten gerechnet, die in ihrer maßlosen Misogynie nichts Eiligeres zu tun hatten, als alle weiblichen Elemente aus der neuen Religion (mit der ja auch wieder Macht verbunden wurde) zu eliminieren. Gut, dass ein paar Spuren dieser weiblichen Elemente bis heute aufzufinden sind, wenn man genauer hinschaut.

Lege ich die Bibel wörtlich aus, so muss ich vieles als gegeben hinnehmen, was auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint. Versuche ich jedoch, an den tieferen Sinn dahinter heranzukommen, so werde ich nicht selten angenehm überrascht. Jesus selbst spricht, nachdem er der Menge das Gleichnis vom Sämann nahe brachte, die folgenden, auf den ersten Blick vielleicht rätselhaften Worte:

Und die Jünger traten zu ihm und sprachen: Warum redest Du zu ihnen in Gleichnissen? Er antwortete und sprach: Euch ist’s gegeben, dass ihr die Geheimnisse des Himmelreichs versteht. Diesen aber ist’s nicht gegeben. (…) Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen. Den mit sehenden Augen sehen sie nicht, und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es auch nicht.“ (Matthäus 13, 10-11, 13)

Wie – steckt da etwa noch etwas dahinter? Existiert eine Wahrheit hinter der Wahrheit? Später im selben Kapitel wird Jesus sogar noch etwas deutlicher:

Denn dieses Volkes Herz ist verstockt, und ihre Ohren hören übel, und ihre Augen schlummern, auf dass sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, und ich ihnen hülfe. (…) Wahrlich, ich sage Euch: Viele Propheten und Gerechte haben begehrt zu sehen, was Ihr seht und haben’s nicht gesehen und zu hören was Ihr höret und haben’s nicht gehört.“ (Matthäus 13, 15 + 17)

Betrachten wir nun ein paar Mysterien, wie sie im Buch der Bücher zu finden sind, unter esoterischen Gesichtspunkten noch einmal neu – und unter Miteinbezug der oberen Aussagen. Und gehen wir einmal davon aus, dass die Grundidee des Christentums vielleicht etwas einschloss, was von den christlichen Kirchen bis heute sträflich vernachlässigt wird.

Weibliche Mysterien zur Entstehung der Welt und zum Wachsen und Reifen des eigenen Geistes sind in den Mythen jeder Kultur zu finden. Im Mittelalter trieb die „christliche“ Gesellschaft Schindluder mit den Mythen und Ansichten der früheren Religionen, merzte sie aus oder verunstaltete sie zumindest so stark, dass sie keinerlei Einfluss mehr ausüben konnten. Nicht wenige dieser alten Mythen wurden auch in die christliche Religion integriert, freilich ohne ihre ursprünglichen Aussagen beibehalten zu können. Eine selbstbewusste Integration des eigenen, suchenden und wachsenden Geistes wurde verdrängt und ersetzt durch ein zwanghaftes Befolgen bedrohlich-machtvoller Regeln.

Das Weibliche stand stets für die Intuition und die Phantasie, das Hören nach innen, auf das „Bauchgefühl“, während das Männliche eher für logisch-rationales Denken und Handeln stand. Für das Überleben und Wachsen von Körper UND Geist brauchen Mensch und Gesellschaft beide Anteile, und zwar ausgewogen. Indem wir die weibliche Seite in uns stärken und entwickeln, erweitern wir unser Bewusstsein und können die Zusammenhänge allen Lebens und Seins besser erfassen als mit einer rein rationalen Denkweise. Auch in den Lehren Jesu Christi ist viel von der Wiedererweckung der Weiblichen Anteile in uns die Rede, die wir unbedingt brauchen, um unseren eigenen spirituellen Weg erfolgreich gehen zu können. Diese Ideen waren dem patriarchalisch geprägten Judentum (und nicht nur diesem) natürlich ein Dorn im Auge, was in der Folge zur Verschleierung dieser Botschaften führen musste.

Sieben weibliche und sieben männliche Mysterien auf Jesu Lebensweg

Jesus selbst verwendete in seinen Lehren viele Symbole für das Weibliche, wie sie den Menschen bereits aus anderen Kulturen und Religionen bekannt waren, und in seinem eigenen Lebenslauf finden wir sowohl sieben weibliche, als auch sieben männliche Mysterien, die wir alle auf uns selbst und auf unseren spirituellen Weg des Wachsens übertragen können.

Die sieben weiblichen Mysterien:

1. Die Verkündigung durch den Erzengel Gabriel (Vision und Erleuchtung)

2. Die unbefleckte Empfängnis (Die spirituelle Kraft der neuen Vision prägt sich dem Körper ein)

3. Die heilige Geburt (Die Geburt des kreativen Willens wird manifestiert und neue Kraft erweckt)

4. Die Weihe im Tempel (Der Schüler verschreibt sein Leben dem Spirituellen)

5. Die Flucht nach Ägypten (Das vorübergehende Verbergen des inneren Lebens, das in der Entwicklung jedes spirituellen Schülers aufgrund des Einflusses der äußeren Welt vorkommt)

6. Das Lehren im Tempel (das erweiternde Bewusstsein offenbart sich durch die Verschmelzung von Herz und Verstand)

7. Die Taufe (Die Initiation zur vollen, bewussten Einsicht und zum vollen Verständnis und Unterscheidungsvermögen, wie durch die anschließende Versuchung gezeigt wird)

 

Die sieben männlichen Mysterien:

1. Die Verklärung (Jesus enthüllt Petrus, Jakobus und Johannes seine wahre Natur, Offenbarung der Fähigkeit, das Bewusstsein auf höhere Stufen zu erheben und in direkten Kontakt mit dem Göttlichen treten zu können)

2. Der triumphale Einzug in Jerusalem (Erlangung von Seelenweisheit durch die Erhöhung des Bewusstseins und den Ausdruck des weiblichen Aspekts)

3. Das letzte Abendmahl (Die Lehre des Prozesses der Umwandlung von Energien durch das Gleichgewicht von weiblichen und männlichen Elementen)

4. Der Garten Gethsemane (Der Teil der persönlichen Entwicklung, in der der Schüler sein letztes bisschen eigenen Willens aufgibt und sich ganz in Gottes Hand begibt)

5. Die Prüfung vor Pilatus und Herodes (Sich der Versuchung stellen, sich und seine Macht für die selbstlose Liebe einzusetzen)

6. Die Kreuzigung (Entwickeln der Fähigkeit, der Grausamkeit anderer ins Auge zu sehen, indem wir auf alles verzichten – außer auf unsere Aufgabe der spirituellen Verwirklichung)

7. Die Auferstehung (Der Schüler lernt, was unsterbliche Liebe und Leben bedeutet, er lernt, die Grenze zwischen Schlaf und Wachzustand, zwischen Leben und Tod bewusst zu überschreiten)

(diese Mysterien samt ihrer Interpretation wurden aus dem Buch „The occult Christ. Angelic mysteries and the Divine Feminine“ von Ted Andrews zitiert)

Ein weiterer interessanter Aspekt des Weiblichen in Jesu Lebensweg ergibt sich übrigens aus der Beobachtung, dass sich Jesus, wann immer er auf dem Kreuzweg fällt, anschließend auf eine Frau trifft…

Das Symbol des Kreuzes

Das Kreuz ist das wohl mächtigste Symbol des Christentums, denn es steht dort für die Auferstehung und für das Ewige Leben. Die Kirche benennt die Vertikale des Kreuzes als Symbol für die Verbindung und Ausrichtung auf Gott, die Horizontale für die Verbundenheit der Menschen untereinander. Es ist im Übrigen erst seit dem 6. Jahrhundert üblich, Jesus am Kreuz darzustellen.

Doch das Kreuz existiert schon viel länger als das Christentum in anderen Religionen und Kulturen, und auch dort war es ein wichtiger Bedeutungsträger. Es konnte für Fruchtbarkeit stehen, oder auch für die Vereinigung der Gegensätze in den Naturkräften oder die Vereinigung von Gegensätzen aller Art. In den alten Mysterien veranschaulichte es die Harmonisierung der vier Elemente und ihre Vereinigung, die für den höchsten Ausdruck der Seele nötig ist.

Am wichtigsten aber ist der Ausdruck des Kreuzes als ein Symbol der ausgeglichenen Vereinigung der männlichen und weiblichen Energien – und hier kommen wir bereits zum Dilemma mit der kirchenchristlich geprägten Auslegung des Kreuzes: Was wir heute in den Kirchen sehen, ist das so genannte Kavalriekreuz, ein Kreuz, bei dem der senkrechte („männliche“) Balken länger ist als der waagerechte („weibliche“). Hier findet sich ein Ausdruck der kirchlich-patriarchalischen Weltsicht, die immer noch gegen die kraftvolle Bedeutung des weiblichen Aspekt Aspekts von Gott ankämpft.

Das ursprüngliche Kreuz, das so genannte „griechische Kreuz“ dagegen ist gleichschenklig. Es gilt als das ursprünglichste christliche Symbol, taucht aber merkwürdigerweise nicht mehr in den Kirchen auf (abgesehen von einigen byzantinischen Gemäuern). Dieses Kreuz ist das wahre Kreuz der christlichen Mysterien und das Symbol für die ausgeglichene Vereinigung der männlichen und weiblichen Energien.

Die Mysterien in den Jahreszeiten

Haben wir uns nun damit vertraut gemacht, dass wir ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den männlichen und weiblichen Energien in uns erzielen müssen, um unseren spirituellen Weg erfolgreich gehen zu können, so brauchen wir nun noch eine Übersicht über die Jahreszeiten, wann welche Energien am besten in der Natur und in uns wirken. Wir begreifen uns als ein Teil des Ganzen – und das Ganze als einen Teil von uns. Deutlich werden die Wechselwirkungen zwischen den höheren Ebenen und uns und unserem Leben in der Astrologie, die uns in unserem Horoskop aufzeigt, welche Beziehungen zwischen den einzelnen planetarischen und himmlischen Wesenheiten und uns selbst bestehen. Jede Jahreszeit (und auch jeder Monat) hat ihr ganz eigenes Energiemuster, welches uns dabei hilft, verschiedene Aspekte von Energien in uns zu bündeln und für unser spirituelles Wachstum zu nutzen.

Herbst – die Zeit der Reinigung und der Vorbereitung. Wir erzeugen mehr Energie zur Reinigung und Vorbereitung und richten diese auf unsere Ziele und unser Handeln.

Winter – die Erweckung weiblicher Energien. Wir erzeugen mehr weibliche, intuitive Energien und integrieren diese in unseren Lebensprozess.

Frühling – der Ausdruck männlicher Energien. Wir bündeln und konzentrieren die männlichen Energien in uns, um sie zu konzentrieren und weiterzugeben.

Sommer – die Vereinigung von männlichen und weiblichen Energien. Wir werden darin bestärkt, die männlichen und weiblichen Energien in uns zu vereinen, sie zu bündeln und Situationen und Gelegenheiten zu schaffen, in denen wir sie zum Ausdruck bringen können.

In den christlichen Mysterien lauten die Schlüsselbegriffe des Seelenjahres GEBURT, TOD, AUFERSTEHUNG und HIMMELFAHRT. Die vier Jahreszeiten helfen uns dabei, unsere göttlichen Energien und unsere Intuition auf eine neue Weise auszudrücken, um in der Spirale unseres spirituellen Wachstums weiter emporsteigen zu können. In den christlichen Mysterien wurde der Einweihungspfad des suchenden Schülers, wie bereits beschrieben, an der Person Jesu Christi verdeutlicht. Seinen Höhepunkt findet dieser Pfad in den Ereignissen des Osterfestes.

Ostern ist bis heute der einzige heilige Feiertag, der durch den Stand der Sterne bestimmt wird. Er fällt immer auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling nach der Frühlingstagundnachtgleiche. In dieser Zeit sind wir besonders empfänglich für die kosmischen und göttlichen Energien um uns herum, und wir öffnen uns leichter neuen Erkenntnissen und dem Kontakt mit dem Göttlichen.

 

Die christlichen Mysterien in unser aktives Leben integrieren

Auch wenn dieser kurze Einblick in die Darstellung und Wirkungsweise der christlichen Mysterien naturgemäß oberflächlich bleiben muss, so zeigt er doch deutlich auf, dass unsere „Staatsreligion“ eine Menge mehr an spirituellem Futter für uns bereit hält, als es die Kirchen – die immer noch an ihrem patriarchalischen Machterhalt festhalten – auszudrücken gewillt sind. Glaube kann mehr sein, als nur ein Festhalten an der Gewissheit, dass Gott uns unsere Sünden vergibt und uns läutert. Mehr als ein sich den unbeweglichen Dogmen einiger greiser Kirchenväter zu unterwerfen. Glaube, auch der christlich geprägte, kann mehr bedeuten als nur ein sich Verlassen auf die Versprechungen eines Johannes 3,16 und auf ein Leben im Paradies, so man die Klippen des Jüngsten Gerichts durch regelmäßiges Selbstkasteien erfolgreich umschifft hat.

Glaube kann bestärken auf dem Weg zu uns selbst. Glaube kann bei der Erkenntnis dessen helfen, dass wir hier sind, um uns nicht nur rational-fortschrittlich zu entwickeln, sondern auch – und gerade – in spiritueller Hinsicht. Dass wir Verantwortung haben für diese Entwicklung, ein jeder für sich selbst. Dass wir, geleitet von den Höheren Mächten, in der Lage sind, uns selbst dahingehend zu verändern, dass wir durch ein liebevolles, inspirierendes Miteinander unser Paradies bereits auf Erden schaffen. Dann fällt das Jüngste Gericht vielleicht auch gar nicht mehr so apokalyptisch aus…

 

Literaturhinweise:

DAS NEUE TESTAMENT. (in: DIE BIBEL) Verschiedene Autoren. Nach der deutschen Übersetzung Martin Luthers, revidierter Text 1956. Württembergische Bibelanstalt Stuttgart, 1960

THE OCCULT CRIST. MIT ENGELSKRÄFTEN GÖTTLICHES BEWUSSTSEIN ENTFALTEN. CHRISTLICHE MYSTERIEN IM NEUEN LICHT. Ted Andrews. Verlag Hermann Bauer, Freiburg/Breisgau 1997

DAS WEIBLICHE PRINZIP UND DIE KRAFT ZUR VERÄNDERUNG. Scilla Elworthy. Ariston Verlag, München 1997

Johannes 3,16: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

 

Jeder Überlebende ist irgendwie schuldig

Jüdisches(Über-) Leben während des Dritten Reichs und des Holocausts ist immer ein schweres Thema für einen Film. Steven Spielberg hat uns Deutsche mit seinem Drama “Schindlers Liste” ins Mark getroffen und national betroffen gemacht. Roberto Benigni brachte uns mit der Tragikomödie “Das Leben ist schön” zum Lachen, und rührte uns gleichzeitig durch sein unglaubliches Talent zu Tränen. Die typischen Holocaust-Verfilmungen haben gemein, dass die Rollen der Guten und der Bösen immer glasklar verteilt sind – wie anders auch will man angesichts von 7 Millionen ermordeter Juden Geschichte aufarbeiten? Der niederländische Regisseur Paul Verhoeven (“Total Recall”, “Basic Instinct”, “RoboCop”) wählt in seinem lose nach wahren Begebenheiten gestrickten Film “Black Book” das Action-Genre – und führt damit die Erwartungshaltung seiner Zuschauer bezüglich der Schuldigen das eine ums andere Mal ad absurdum. Darf man das?

Foto: NFP neue film produktion GmbH

Die Niederlande, kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges. Die jüdische Sängerin Rachel Stein (Carice van Houten) überlebt die Zerstörung ihres Verstecks nur um Haaresbreite. Zusammen mit anderen Juden versucht sie, in bereits befreite Gebiete der Niederlande zu flüchten, doch die Gruppe wird verrraten. Rachel, als einzige Überlebende, muss mitansehen, wie eine deutsche Patrouille die anderen Flüchtlinge ermordet und ausraubt, darunter auch Rachels Eltern und ihr Bruder. Rachel gelingt die Flucht in die befreite Zone, dort schließt sie sich einer Widerstandsbewegung an. Unter der Leitung des unerschrockenen Arztes Hans Akkermans (Thom Hoffman) gelingt es Rachel, in ihrer neuen Identität als Ellis de Vries bis in die höchsten Kreise der deutschen Besatzer vorzudringen. Dort begegnet sie dem Chef des deutschen Sicherheitsdienstes Müntze (Sebastian Koch). Nicht geplant bei der Aktion: Dass sich Rachel/Ellis heftigst in Müntze verliebt…

Atemlose 145 Minuten lang schickt der Regisseur, der mit seinem Action-Knaller “Total Recall” und dem erotischen geladenen “Basic Instinct” seine Spannungskunst vielfältig unter Beweis stellte, die Zuschauer auf eine gnadenlose Reise durch menschliche Abgründe – und allzu menschlich-moralisches Fehlverhalten. Im Krieg und in der Liebe sind nun mal alle Mittel erlaubt – und wenn man den eigenen Vorteil erkennt, sind den meisten Zeitgenossen sowieso alle Mittel recht, diesen sich auch zu eigen zu machen. Doch auch das ansonsten so unsäglich Böse menschelt: Da zeigt der oberste Naziboss anrührende Schwächen und – in seiner Position unangebrachtes Mitgefühl – während sich der stramme Widerstandskämpfer in der Ausführung seiner heroischen Befreiungstat in der B-Note doch arge Nachlässigkeit vorhalten lassen muss.

Foto: NFP neue film produktion GmbH

Der Zuschauer indes, von der atemberaubenden Spannung der Handlung in seinen Kinosessel gepresst, kommt gar nicht erst zum Nachdenken. Er leidet mit Rachel/Ellis und fühlt später mit der verliebt-desillusionierten Ellis/Rachel, obwohl er sie nach einer Atempause wohl lieber in den Hintern getreten hätte – aber wer hätte in den unruhigen, bewegten Zeiten damals noch Zeit zum Atmen gefunden? Insbesondere, wo das eigene Leben permanent bedroht war? Wo jede Aktion zu sofortiger Enttarnung und zum Todesurteil führen konnte? Die geradezu grauenhafte Anspannung des Films speist sich aus seiner ungeschminkten Nähe zur damaligen Wirklichkeit seiner Hauptpersonen.

Foto: NFP neue film produktion GmbH

Zum Urteilen über die Handlungen der Akteure kommt man beim Anschauen des Filmes erstmal nicht. Ellis’ beste Freundin während ihres Einsatzes für die deutschen Besatzer wird das niederländische Soldatenliebchen (als “Fickhäschen” wird ihre Position dort von einer schweizerischen Filmkritik bezeichnet) Ronnie. Ronnie genießt nach dem Ende des Nazi-Regimes stolz zusammen mit ihrem neuen kanadischen Freund auf einem Jeep den Triumphzug durch ein Meer von oranjefarbenen Fahnen, während Ellis/Rachel wegen ihres Verhältnisses zu einem deutschen Führungsoffizier im Knast ein Kübel Schweinescheiße über den nackten Körper gegossen wird.

Am Schluss sind dennoch alle Schuldigen bestraft, die Kurve wurde gerade noch genommen. Sein versöhnliches Ende findet der Film bereits in seiner Anfangssequenz, welche 1967 in einem israelischen Kibbuz spielt: Hier trifft Ronnie, inzwischen gereift und gealtert, aber immer noch mit ihrem Kanadier glücklich vereint, auf Rachel, die mittlerweile kleine Kinder unterrichtet. Keine von beiden ahnt, dass der Friede des Kibbuz sich schnell in den nächsten Krieg verwandelt: nur wenig später beginnt der Sechs-Tage-Krieg zwischen Israel und Ägypten, Jordanien und Syrien…

Foto: NFP neue film produktion GmbH

Die jüdische Rachel Stein des Films ist keine Anne Frank, und der deutsche Sicherheitsschef Müntze gleicht weder einem Amon Göth noch einem Hans Frank. So banal, wie das Böse im Dritten Reich daherkam, so einfach gestrickt zeigt der Film ebenso einfach-menschliche Aktionen und Reaktionen. Und er zeichnet dadurch ein Bild des zweiten Weltkriegs und der Nazi-Vorherrschaft, die indirekt das Sehnen und Flehen der – deutschen – Kriegsgeneration bekräftigt, welche gern von einer Kollektivschuld Abstand nähme, weil ja nicht jeder Deutsche auch automatisch ein Nazi war.

Darf ein Film sowas?
In den Kriegszeiten mag jeder Betroffene versucht haben, sich sein eigenes Recht, seine eigene Moral irgendwie zu erhalten und sich dementsprechend zu verhalten. Der Film “Black Book” wertet dieses nicht, sondern stellt die Befindlichkeiten der Einzelnen in den Kontext einer überraschend-erschreckenden Handlung, die einmal mehr aufzeigt, dass Menschliches eben selten heroisch oder vorbildlich ist.

Die wahren Helden des Dritten Reichs überlebten es deshalb nicht.

Wer dies erkannt hat, der gehe in diesen Film und genieße ihn, solange er kann, und mache sich hinterher seine Gedanken – dann, wenn er wieder zu Atem gekommen ist.

Text: Corinna Kahl/Fotos: NFP neue film produktion GmbH

 

 

Dieser Artikel erschien zuerst im Juni 2007 in der “Im Endeffekt” Ausgabe 13.

 

Morgens um fünf

Posted by Cora on 18. Juli 2013
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Morgens um fünf ist es im Hamburger Hafen noch ruhig. Der stetige Lärm der 24/7 Schuppen vom Kiez dringt nicht bis in diese Regionen vor. Da der Fischmarkt nur sonntags früh öffnet, sind um diese Zeit keine Touristen unterwegs. Dennoch drängen sich die Menschen dicht an der Haltestelle der Hafenfähre Nr. 62 in Richtung Finkenwerder. Ihr Ziel ist die Lufthansa-Basis, die Flugwerft. Ihre Schicht wird in etwa einer Stunde beginnen.
Ein junger Mann kontrolliert den Inhalt seiner Aktentasche: Die Dokumente des Projektes, an dem er gerade arbeitet (Hydraulikberechnungen für ein Fahrwerk), ein alter Schildpattkamm, an dem bereits einige Zacken fehlen (dafür haben sich ein paar seiner aschblonden Haare darin verfangen), eine Butterbrotdose (leer), eine Ausgabe der Morgenpost (Schub, nicht Andruck) und eine nicht mehr ganz frische Banane (europäisch-klein).
Sein Dienstkollege blättert stehend in der Bildzeitung. Er liest den Kommentar von Franz-Josef Wagner, dabei breitet sich ein heimliches, kleines Grinsen in seinem zerfurchten Gesicht aus. Dies ist sein vorletzter Arbeitstag, in der nächsten Woche hat er Urlaub. Nicht, dass er sich besonders über diesen Umstand freut, denn die Reise, die seine Frau geplant hat (Ungarischer Plattensee) interessiert ihn nicht. Außerdem ist er davon überzeugt, gerade in dieser Phase des Projektes auf der Werft unabkömmlich zu sein. Es ist nicht mehr zu ändern – außerdem hat ihn der Chef bereits mehrfach auf seinen Resturlaub angesprochen. Besser, sich zu fügen. In den Chefetagen macht in letzter Zeit immer häufiger das Gespenst des Stellenabbaus seine Aufwartung. Nicht auf schlechte Ideen bringen.
Die Hafenfähre legt pünktlich an. Noch während der Steg unter heftigem Gefiepe ausgefahren wird, drängen sich die Männer (und ein paar Frauen) an Bord des grasgrünen Gefährts. Heute fährt man auf der „Wolfgang Borchert“, doch dieser Umstand entgeht den meisten unter ihnen. Zu nah ist noch der Gedanke an das heimische Bett, das viele von ihnen erst vor wenigen Minuten verlassen haben. Zu früh am Morgen ist es, um weiter zu denken als bis zum ersten Kaffee in der Werkskantine. Wenn die Fähre rechtzeitig anlegt, schaffen sie das vielleicht sogar noch vor ihrem Schichtbeginn.
Um fünf Uhr sechzehn hat der Schiffsführer bereits das Signal zur Abfahrt gegeben und will gerade den Steg einziehen, da springt in letzter Sekunde ein junges Paar die Eisengitter hinauf. Jedem, der dies mitbekommt, ist klar, dass diese beiden ihr heimisches Bett schon lange nicht mehr gesehen haben, denn ihre Kleidung lässt darauf schließen, bereits irgendwann gestern angelegt worden zu sein, ihre Haare sind von der langen Nacht zerwühlt, und ihre Augen haben den gewissen Glanz, der nur durch die Nähe einer gemeinsam verbrachten, innigen Zeit entsteht. Er greift ihre Hand, zerrt sie ins Schiff. Sie lässt sich zerren, strahlt ihn dabei an, als sei er eine Erscheinung, allein zu ihrer Rettung an diesem trübgrauen Julimorgen der Elbe entstiegen.
Die Werftarbeiter würdigen die Neuankömmlinge keines zweiten Blickes. Paradiesvögel – und dies um diese Uhrzeit. Der Kollege mit dem Balaton vor Augen setzt sich neben den Aktentaschenträger und schlägt wieder die Bildzeitung auf. Er hat nie studiert, und Ausschweifungen aller Art sind ihm ein Gräuel. Nicht, dass er nicht auch gern mal einen hebt, wenn er mit den Kumpels unterwegs ist, aber das kommt in letzter Zeit ja auch immer seltener vor. St. Pauli spielt nicht mehr in der ersten Liga, und überhaupt hat sich die Stimmung verschlechtert. Die Sorge um den Arbeitsplatz beschäftigt sie alle. Der Konkurrenzkampf ist spürbar geworden. Von der alten Kameradschaft ist nicht mehr viel übrig geblieben.
Die Aktentasche wird erneut von ihrem Träger geöffnet. Er entnimmt die bräunliche Banane und ein Papiertaschentuch. Ein kärgliches Frühstück, und er versucht sich zu erinnern, wann ihm seine Frau zum letzten Mal eine richtige Schinkenstulle mit auf den Arbeitsweg gegeben hat. Einige Zeit ist das jetzt her, lange vor der Geburt des dritten Sohnes. Drei flachsblonde Gesichter, in die er blickt, wenn er sich nach der Schicht zuhause kurz ins Kinderzimmer schleicht um zu überprüfen, dass seine Sprösslinge alle noch munter und unter den Lebenden sind.
Flachsblond war auch seine Frau einmal gewesen. Und stolz darauf, sich die Haare nicht färben zu müssen. Heute trägt sie eine Farbe, die sie stolz mit „Mahagoni“ umschreibt. Ihm gefällt das nicht unbedingt, aber ihm ist gleich klar gewesen, dass seine Meinung hier besser nicht hörbar artikuliert werden sollte. Schließlich ist sie in letzter Zeit immer häufiger so gereizt gewesen, unausgeglichen. Eine zusätzliche Provokation würde da schnell zu einem unkontrollierten Gefühlsausbruch führen, und damit konnte er noch nie gut umgehen.
Das junge Paar hat sich auf eine Bank im hinteren Teil des Schiffes zurückgezogen, an der frischen Luft. Er bittet sie, einen Aschenbecher zu besorgen und holt ein Päckchen Drum-Tabak aus der Brusttasche seiner zerschlissenen Jeansjacke.
Das Mädchen steht auf und läuft zum Nebentisch. Sie lächelt entschuldigend, und greift dann nach dem Aschenbecher vor der aufgeschlagenen Bildzeitung. Der Wagner-Fan hat das Lächeln nicht gesehen und blickt nur einmal kurz missmutig auf. Er selbst hat sich vor 15 Jahren das Rauchen abgewöhnt, nachdem ihn der Arzt eindringlich ermahnt hat. Mit seinen Magengeschwüren ist nicht zu spaßen – und auch die Kapazität seiner Lungen hat extrem nachgelassen. Seitdem er mit dem Rauchen aufgehört hat, hat sich seine Kondition spürbar verbessert. Ausgeglichener ist er dadurch nicht geworden.

Mit dem Beutegut in der Hand kehrt das Mädchen zurück zur Bank und lässt sich neben ihrem Liebsten nieder, der mittlerweile zwei ebenmäßig gerollte Zigaretten produziert hat und ihr eine davon in den Mund steckt. Sie greift nun ihrerseits in ihre Jackentasche und holt ein Feuerzeug heraus. Gemeinsam zelebrieren sie ein neu entdecktes Ritual, indem zunächst er ihr, dann sie ihm Feuer gibt. Dann rauchen sie genüsslich, ohne ihren Nachbarn weiter Beachtung zu schenken.
Der Aschblonde blickt derweil nach draußen. Die Fähre hat die Landungsbrücken hinter sich gelassen und fährt am ehrfürchtigen roten Backsteingebäude, an der Fischauktionshalle vorbei. Die Luft ist immer noch diesig, und hin und wieder erreicht die Gischt auch die Passagiere, die sich getraut haben, im Außenteil des Schiffes Platz zu nehmen. Außer unserem Pärchen ist das nur noch eine ältere Frau in einem modisch-kecken Hosenanzug mit auffallender Vogelbrosche am Revers. Der Aschblonde kennt sie flüchtig vom Sehen, sie arbeitet in der Telefonzentrale, seit er denken kann. Dass sie heute die Fähre benutzt, wundert ihn. In der Regel fährt sie mit einem kleinen Renault zur Arbeit. Ein eigenes Auto stand auch lange Zeit auf seiner persönlichen Wunschliste. Ein Auto haben sie auch gekauft, aber das fährt seine Frau. Sie hat die längeren Wege, und bei drei Kindern und mit all den zu erledigenden Einkäufen war die Entscheidung schnell getroffen.

Um nicht wieder in Trübsal zu versinken ob des Wagens, den er selbst gern fahren würde (und von dem er ziemlich konkrete Vorstellungen hat, die er aber selten artikuliert) lenkt sich der Aschblonde wieder mit der Betrachtung des Pärchens ab. Die beiden haben inzwischen aufgeraucht, und der junge Mann ist auf die Bank gesunken. Sein Kopf ruht jetzt im Schoß des Mädchens, das ihm immer wieder gedankenverloren durch die braunen Wuschelhaare streicht. Ein Bild der Innigkeit und des Friedens, das den Aschblonden ein wenig verstört. Die beiden dort hinten scheinen nicht viele Worte zu brauchen, um sich zu verstehen, und bei ihm zuhause ist es genau umgekehrt: Seine Frau und er gebrauchen viel zu viele Worte, um sich nichts mehr zu sagen zu haben.
Sein Kollege steht plötzlich vom Tisch auf. Sein Gesicht hat sich zu einer schmerzhaften Maske verzogen, und er reibt sich mit beiden Händen die Gegend um seine Gürtelschnalle herum. „Magenschmerzen“, presst er zwischen den Zähnen heraus und eilt mit schnellen Schritten in Richtung Bordtoilette. Der Aschblonde nickt mitleidig, aber nicht überrascht. Er wurde schon häufiger Zeuge ähnlicher Szenarien auf dem Weg zur Arbeit, aber nachgefragt hat er nie. Hat der dicke Kollege ein Geschwür? Sind die  Sorgen daheim und am Arbeitsplatz in die Bauchgegend gewandert? Die Lösung, die der Aschblonde nie vermutet hätte, und die der dicke Kollege auch niemals preisgibt, ist viel einfacher: Der rundliche Mann verträgt das Boot fahren nicht. Er leidet unter einer fiesen Art der Seekrankheit. Eigentlich wird ihm schon schlecht, wenn er das Wasser nur von weitem sieht, aber das würde er niemals zugeben. Angesichts dieser peinlichen Tatsache erhält seine Abscheu vor dem Plattensee eine völlig neue Qualität.
Die „Wolfgang Borchert“ hat mittlerweile die Haltestelle „Fischmarkt“ angefahren und wieder verlassen. Hinzu gestiegen ist niemand, und niemand hat das Schiff verlassen. Zügig nimmt die Fähre wieder Fahrt auf, gleitet an den unzähligen Containerschiffen entlang, in denen die Asylsuchenden untergebracht sind und ähnliches undurchsichtiges Gesindel. Der Englandkai wird passiert, und dann der Skandinavienkai. Autos werden gerade auf eine der großen Kanalfähren verladen, und der Aschblonde gibt sich kurz der Träumerei eines gemeinsamen Familienurlaubs an Dänemarks Küsten hin, natürlich in einem großen Wagen, nicht in dem kleinen, popeligen Fiat, den seine Frau täglich bewegen darf, während er hier eingekeilt zwischen Kolleginnen und Kollegen auf diesem stickigen Kahn tagtäglich auf die Werft gekarrt, pardon, geschifft wird. Missmutig blickt er wieder nach draußen, wo der Blick auf die Elbstraße jetzt versperrt wird von Baustellen und bereits fertig gestellten, aber leer stehenden Bürogebäuden. Die Hafennähe soll neue Investoren anlocken. Passiert ist aber noch nicht viel. Einige Baustellen sehen so aus, als ob seit Monaten kein neuer Stein verbaut worden ist. Fehlinvestitionen, die das ohnehin schon magere Stadtsäckel jetzt ausbaden muss. Die Zeitungen verkünden keine Wunder in diesem Sommer. Stattdessen ist die Rede immer wieder von fehlendem Optimismus, von mangelnder Kaufkraft und von lethargischen Investoren, die ihr Geld zurückhalten, bis eine Wende in der Politik erfolgt. Das kann noch dauern, weiß der Aschblonde. Die Zeiten sind eben betrüblich.
Das Paar scheint von solch herunterziehenden Gedanken völlig frei zu sein. Das junge Mädchen hat sich jetzt seiner Jacke entledigt und hält ihr Gesicht dem Fahrtwind entgegen. Sie scheint das trübe Wetter zu genießen. Vermisst denn niemand in diesem grauen Moloch von einer Stadt die Sonne? Wie bei einem unanständigen Gedanken ertappt lässt der Aschblonde den Blick wieder sinken, und greift sich die BILD-Zeitung seines Kollegen, dessen Magenprobleme heute schlimmer zu sein scheinen als gewöhnlich. Immer noch ist er nicht wieder aufgetaucht. Der Aschblonde vertieft sich in das Bild des Mädchens von Seite 1, und stellt eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Mädchen vorn auf dem Schiff fest, was ihn schmunzeln lässt. Ihm entgeht, dass sich der junge Mann gerade erhoben hat und nun seinerseits Richtung Toiletten wandert, ruhigen, festen Schrittes, so als sei er gerade erst nach einer langen, geruhsamen Nacht aufgestanden. Auch das Mädchen sitzt nicht mehr auf der Bank.
„Verzeihung!“
Die helle Stimme schreckt den Aschblonden von seinen warmen Gedanken wieder zurück in die harte Realität.
„Sorry für die Störung, aber brauchen Sie die noch?“ Die tiefgrünen Augen des jungen Mädchens deuten höflich auf die Morgenpost, die der Aschblonde achtlos zur Seite gelegt hat. „Ich würde so gern mein Horoskop lesen.“
„Bitte sehr“. Er nickt gnädig, innerlich jedoch hoch erfreut ob des plötzlichen Kontaktes zu einem anderen lebenden Wesens. Und wirklich, niemand ist ihm auf diesem Schiff jemals so lebendig vorgekommen wie dieses junge Ding da, die kaum Mitte zwanzig sein mag, in ihrem pastellfarbenen, bunt gemusterten T-Shirt und der leichten Gänsehaut auf den Unterarmen, die ihm wohl der Fahrtwind dorthin gezaubert hat.
Das Mädchen lächelt erfreut, nimmt sich die kleine Zeitung und macht ansonsten keinerlei Anstalten, sich wieder zu entfernen. Stattdessen nimmt sie ihm gegenüber Platz und schlägt das Blatt geübt genau in der Mitte auf, dort, wo das Horoskop steht.
„Löwe“, liest sie ihm ungefragt vor. „Sie stehen heute vor einer Herausforderung. Verlassen Sie sich nicht auf Vertrautes. Weiter bringt sie nur ein Sprung ins kalte Wasser.“
Sie lacht. „Wie passend, wenn man sich gerade auf einer Fähre befindet, meinen Sie nicht auch?“
Damit hat der Aschblonde jetzt nicht gerechnet. Er ist verdutzt, und will gerade unwillig abwinken und zu verstehen geben, dass ihm diese Information jetzt gerade sehr unpassend erscheint. Er öffnet den Mund und hört sich sagen: „Und was steht bei den Widdern?“
Sie schaut nach. „Widder. Heute lacht Ihnen die Sonne ins Gesicht. Ergreifen Sie die Gelegenheit, die das Leben für Sie bereithält.“
Grinsend schlägt sie die Zeitung wieder zu. „Der Tag könnte schlimmer beginnen!“
„Da könnten Sie recht haben“, jetzt schmunzelt auch er. Da ist nichts mehr, was er diesem frischen, strahlenden Gesicht entgegen halten kann. So einnehmend erscheint es ihm, dass er kaum registriert, wie die „Wolfgang Borchert“ jetzt mit großem Getute in Övelgönne am Museumshafen anlegt.
Und ehe er sich versieht, ergreift er die Gelegenheit und hält dem faszinierenden Gesicht mit den tiefgrünen Augen seine Hand hin.
„Marten. Christian Marten.“
„Angenehm. Elisabeth.“
Sie schütteln sich die Hände, und er fragt sich beklommen, was ihr Begleiter wohl zu ihrer neuen Bekanntschaft sagen mag, wenn er von der Toilette zurückkehrt. Von seinem dicken Kollegen einmal ganz zu schweigen.

Elisabeth lächelt ihm zu, aber dann schweift ihr Blick bereits wieder von ihm ab und richtet sich auf einen Punkt hinter seinem Rücken.
„Ihr Kollege scheint in Schwierigkeiten zu sein, kommen Sie besser mit.“ Sie zerrt ihn am Ärmel und zwingt ihn so, sich zum hinteren Teil der Fähre umzuschauen, dorthin, wo sich die Toilettentüren ­befinden. Aus der rechten Türe taumelt gerade sein dicker Kollege, schwer gestützt auf den dunkelhaarigen Begleiter von Elizabeth, die dem ungleichen Paar bereits entgegen eilt.
Der Aschblonde stürzt hinter ihr her und erreicht die beiden im gleichen Moment wie sie. „Mensch Gustav, was ist denn los mit dir?“
Der Dicke japst nach Luft und ist unfähig, auch nur einen Laut von sich zu geben.
„Ihr Kollege leidet unter heftigen Magenproblemen. Es ist ein Wunder, dass er sich überhaupt noch auf den Beinen hält“, klärt ihn der Dunkelhaarige auf und greift gleichzeitig nach Elisabeths Hand, was dem Aschblonden natürlich nicht entgeht.
„Kümmern Sie sich um ihn – ich sage noch schnell dem Kapitän Bescheid, damit er einen Krankenwagen ruft. Ihr Freund muss dringend sofort in Behandlung.“
Der Aschblonde geleitet seinen Kollegen zurück zum Tisch, und Gustav lässt sich schnaufend auf der Sitzbank nieder. Plötzlich findet er zurück zu seiner Sprache, und er fängt an, dem Aschblonden alles zu erzählen. Die Magenprobleme, die Seekrankheit, die Angst vor dem Urlaub… wie eine Fontaine sprudelt aus ihm heraus, was ihm schon so lange zu schaffen machte.
Der Aschblonde ist überwältigt und fühlt sich hoffnungslos überfordert. Unbeholfen tätschelt er immer wieder Gustavs Schultern. Dann kommt ihm eine Idee, und er greift sich aus Gustavs Manteltaschen dessen Handy, um im Werk anzurufen und sie beide zu entschuldigen, denn allein will er Gustav auf gar keinen Fall ins Krankenhaus fahren lassen. Es muss sich doch jemand um ihn kümmern, und Sachen braucht er sicherlich auch…

Die Fähre hält außerfahrplanmäßig immer noch am Museumshafen Övelgönne. Sie wartet, bis ein Ambulanzfahrzeug eintrifft und den dicken Gustav sicher vom Schiff in den Wagen geleitet, während der Aschblonde nicht von seiner Seite weicht. So übersieht er völlig, dass sich Elisabeth, nun wieder eng an ihren Begleiter geschmiegt, ebenfalls von Bord begeben hat und nun im Wartehäuschen gegenüber auf den Bus Nr. 112 wartet, der die beiden in wenigen Minuten zum Bahnhof Altona bringen wird.

 

 

 

 

 

 

 

"Twardowskis Felsen" in Krakaus unmittelbarer Nähe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jede Stadt hat ihren Hexenmeister.

Krakau hat Pan Twardowski. Der Herr Twardowski verkaufte seine Seele dem Teufel, beschwor die Bildnisse von Verstorbenen und jagte bei seinen zahllosen Experimenten ganze Gebirgsketten in die Luft. Pan Twardowski war ein vielbeschäftigter Magier – und vielleicht sogar ein Deutscher.

In Nürnberg geboren wurde nämlich ein deutscher Adeliger namens Laurentius Dhur oder lateinisch Durus, der in Wittenberg Magie studiert hatte und von 1565 bis 1573 in Krakau lebte, am Hofe des Königs Sigismund II. Das Lateinische “durus” entspricht dem polnischen “twardy” (beides bedeutet “hart”). Auch sind Ähnlichkeiten im Lebenslauf mit dem eines gewissen Herrn Doktor Johann Faust sicherlich nicht ganz zufällig, wird doch auch Pan Twardowski hin und wieder mit dem Vornamen “Jan” angesprochen.

 

Als Pan Twardowski in Krakau lehrte, war die Barbakane (ein Festungstor gebaut etwa 1498) mit damals gerade einmal 65 Lenzen auf dem Buckel noch relativ jung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pan Twardowski studierte am Collegium Maius, einer der ersten Universitäten Europas – nur wenige Jahre nach Nikolaus Kopernikus (dessen Hinterlassenschaften noch heute dort bewundert werden können). Er soll ein fleissiger Student gewesen sein, dem aber irgendwann der an der Uni vermittelte Lehrstoff einfach nicht mehr genügte. Ihm dürstete es nach den wahren Mysterien des Lebens: Dem Stein der Weisen und dem Geheimnis ewiger Jugend. Und so richtete er sich nicht weit vom Stadtzentrum in der Nähe des Dorfes Zakrzówek ein geheimes Alchimistenlabor ein, in welchem er damit begann, schwarze Magie zu betreiben. Bis – nun ja, bis eines der Experimente gewaltig in die Hose ging.

 

Irgendwann hat es gekracht. Der Felsen brach auf, und seit etwa 1990 entstand um den Krater herum ein flaschengrüner See

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

“Twardowskis Felsen” ist heute ein beliebtes Ausflugsziel. Hier lässt es sich wunderbar wandern, grillen oder tauchen. Inmitten des Sees liegt ein havariertes Boot, an den Seiten sollen sich bis heute geheimnisvolle Höhlen befinden. Der See ist rundherum abgesperrt, und zahlreiche Verbotsschilder warnen vor den Gefahren des Steinschlags oder des Ertrinkens.
Zurück zum Thema.

Kurz, es lief nicht rund für Herrn Twardowski. Und so entschloss er sich dazu, seine Seele dem Teufel zu verkaufen – natürlich unter der Voraussetzung, dass ihm dieser Deal große Achtung und vor allem Erfolg in seinem Metier einbringen sollte. Der Teufel, so sagen es die Legenden, war begeistert und willigte ein. Als Eckdaten wurden vereinbart, dass der Teufel Herrn Twardowski zu Willen zu sein hatte. Twardowskis Seele hingegen sollte des Teufels sein, sobald es diesem gelänge, drei besonders schwierige Aufgaben zu erfüllen. Adam Mickiewicz (welcher wohl für einen weiteren “Pan” keine Verwendung fand) berichtet in seiner Ballade “Pani Twardowska” (“Frau Twardowski”) vom erfolgreichen Teufel, dem die ersten beiden Prüfungen nicht die geringsten Schwierigkeiten bereiteten.

 

 

Polens großer Nationaldichter Adam Mickiewicz steht heute vor den Tuchhallen auf dem Rynek und dient Schulklassen als geschichtsträchtiger Hintergrund.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die dritte Prüfung brach dem Teufel das Genick. Lautete die Aufgabe doch, ein Jahr in “Treu und Glauben” zusammen mit Frau Twardowski zu verbringen. Der Teufel versuchte es gar nicht erst. Sondern verschwand pfeifend durch ein Schlüsselloch. Pan Twardowski war zunächst gerettet, und konnte die Vorzüge des Teufelswerks in aller Seelenruhe auskosten.

In Podgorze gründete er ganz in der Nähe der Kirche des heiligen Josef eine Zauberschule.

 

Die Kirche des Heiligen Josef in Podgorze vor den Stadttoren Krakaus, der Platz war auch Teil des jüdischen Ghettos

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Nähe des Dörfchens Ojcow (heute der kleinste Nationalpark Polens) ließ er den Teufel Felsenformationen ganz nach seinem Willen formen – das bekannteste Beispiel ist die “Nadel des Herkules”. (Anmerkung: Leider war dieser Felsen viel zu weit von meiner Wanderroute entfernt, und so muss ich den Fotobeweis hier schuldig bleiben – ich hoffe jedoch, mit dem “Krakauer Tor” das Auge des geneigten Lesers ansatzweise entschädigen zu können).

 

Die Felsen "Krakauer Tor" - wenn da nicht gleichfalls der Teufel seine Hände im Spiel hatte!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es stieg mit wachsendem Erfolg die Beliebtheit des Pan Twardowski, und schließlich holte ihn König Sigismund an seinen Hof. Dessen geliebte Frau Barbara Radziwill war soeben verstorben, und mithilfe eines Zauberspiegels sowie unter großer Anstrengung gelang es Twardowski, ihren Geist zu beschwören und mit dem des trauernden Königs zu vereinen. Dieser Zauberspiegel soll dann noch bis ins späte 19. Jahrhundert hinein zukünftige Ereignisse vorausgezeigt haben.

 

Wawel. Königssitz. Sigismund blieb nach Barbaras Tod zwar nicht unverheiratet, aber kinderlos - mit ihm erlosch das Geschlecht der Jagiellonen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Den Spiegel hat sich später übrigens Napoleon unter den Nagel gerissen.

Angeblich hat Bonaparte ihn 1812 beschädigt, als ihm der Spiegel seine Niederlage in Russland offenbarte. Wer’s glaubt! Ich gehe die Tage noch mal meine Fotos von Schloss Mailmaison durch, ich bin mir sicher, da hing so etwas in der Art im Billardzimmer.)

 

Krak-Hügel. Von starken magischen Strömungen umgeben. Kein Wunder, dass Pan Twardowski hier ebenfalls gezaubert haben soll

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Derweil Pan Twardowski eine Enzyklopädie und ein weiteres Werk über Magie verfasste (Die Jagiellonski-Universität rühmt sich eines Exemplars in ihren Hallen, welches gar durch die Hand des Teufels gegangen sein soll), arbeitete der Teufel fieberhaft an einem Plan, um der Seele des Zauberers doch noch habhaft werden zu können.

Es wurde vereinbart, dass der Teufel Twardowskis Seele in Beschlag nehmen sollte, sobald dieser sich in Rom aufhielt. Natürlich hatte der Hexenmeister nicht vor, jemals nach Italien zu reisen – und so war es vorerst weiterhin Beelzebub, der Fron- und Sklavendienste zu leisten hatte. Twardowski befahl ihm, sämtliche Silbervorkommen in polnischem Boden der Einfachheit halber alle an eine Stelle zu tragen. Nach Olkusz. Dort befindet sich bis heute eine der ältesten Silberminen Polens.

 

Keine Silbermine - sondern die Drachenhöhle unterhalb der Wawelburg. Auch zauberhaft, nicht wahr?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf Dauer für dumm verkaufen ließ sich der Gehörnte mit dem Pferdefuß jedoch nicht. Er überraschte Twardowski in einer Kneipe namens “Rzym” (“Rom” auf Polnisch, mehrere Kneipen in diversen kleinpolnischen Orten rühmen sich heute dieser Bezeichnung), und damit war Schluss mit lustig. Endlich konnte der Teufel zuschlagen.

 

Die Pijarska in der Nähe des Floriantors - Krakau, altstädtisch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gelang dem übertölpelten Hexenmeister noch, die Jungfrau Maria um Hilfe anzurufen, und diese zeigte Erbarmen: Der Teufel musste Twardowski loslassen – und dieser fiel statt in die Hölle auf den Mond.

Auf dem Mond sitzt Pan Twardowski bis heute. Jeden Tag schickt er eine Spinne auf eine Ecke des Rynek Glowny herab, auf dass sie ihm das Neueste aus der Stadt berichte.

Der Teufel jedenfalls hat sich seitdem in Krakau nicht mehr blicken lassen.

 

Wer hier ganz in der Nähe eine Spinne trifft, der grüße besser freundlich und halte seine Schuhsohen im Zaum

 

 

 

Thalia in Flammen

Posted by Cora on 30. Juni 2013
Posted in Am KaminMiau!  | No Comments yet, please leave one

 

 

Rain draped the sky in a twinkling shroud. May’s rain.
Thunder hammered along the rooftops, scared all the cats away. Thunder.
I opened the window, and a merry wind scattered everything on my desk -
Silly poems that I wrote in a clammy and miserable emptiness.

May’s thunder roared, and joy, in a sweeping, drunkening wave,
Rolled over: “Hey, get up, and jump in after me!
Get out into the yard and hop around the puddles till morning, if you want, -
Look at how the funny, blessed children are running about.

Droplets on my face – it’s only the rain, or maybe it’s me crying;
The rain cleansed everything, and my soul, sobbing, suddenly felt soaked through, -
It rolled down in a creek, away from home and towards the sunny, unsown plains,
Turning into vapor, it flew with the wind towards unknown, undiscovered worlds.

And then I imagined: the city suddenly filled with merry people.
Everyone came out into the rain and sang, and laughed… dammit!…
Having forgotten about all shame, and the possibility to fall sick with complications,
The people in the rain greeted thunder like fireworks; the very first spring thunder.

(DDT – „Dozhd – Rain“)

 

Sie war schon vor ein paar Tagen misstrauisch geworden.

Sie hatte bemerkt, dass Jan plötzlich unter einer gewissen Unruhe litt. Dass er nicht mehr richtig bei sich war, wenn er sie berührte. Dass sein Streicheln abwesend wirkte, fremd und irgendwie fahrig.

Gut, er versäumte nicht, ihre Futterschalen regelmäßig zu füllen. Die Toilette war mit frischem Streu gefüllt, und wenn Thalia sich an ihren Lieblingsplatz auf der Fensterbank zurückzog, wohin Jan liebenswerterweise eine kuschelige Decke gebreitet hatte, konnte sie ihn bei seinen geregelten Tagestätigkeiten beobachten. Eigentlich war also alles wie immer. Oberflächlich gesehen.

Thalia liebte geregelte Abläufe. Sie liebte es, sich abends an Jan zu kuscheln, sobald der sich unter seiner Decke zusammengerollt hatte. Sie liebte es ebenso, Jan morgens mit einem zärtlichen Stupser ihres Kopfes zu wecken. Rücksichtsvoll, wie sie nun einmal von Natur aus war, tat sie das nie vor der Zeit, zu der er sowieso aufstehen musste. Gemeinsam führte sie dann der erste Gang des Tages in die kleine Wohnküche, wo sich Jan einen Kaffee aufsetzte, bevor er ihr das Frühstück öffnete. Sie fraß genüsslich und in aller Ruhe, während Jan sich im Badezimmer grauenhaftes Wasser über den gesamten Körper schüttete. Thalia hatte gelernt, diese und auch so einige andere recht merkwürdige Angewohnheiten ihres menschlichen Mitbewohners zu tolerieren. Wie bereits gesagt, Thalia war eine äußerst rücksichtsvolle Katze.

Thalia stand an der Tür, wenn Jan sich nach draußen verabschiedete. Und sie stand es wieder, wenn er abends nach Hause zurückkehrte, um ihn mit lautem Schnurren zu begrüßen, ihre Art, ihn zu fragen, wie sein Tag verlaufen war. Wenn er dann später an seinem Schreibtisch oder auf dem Sofa saß, und seltsamen Abläufen auf großen Flächen folgte, die Thalia nicht wirklich interessierten, setzte sie sich gern neben ihn, genoss es, wenn er sie unter dem Kinn kraulte und berichtete ihm in ihrer eigenen Sprache, zu welchen Erkenntnissen sie ihr Tagesgeschehen gebracht hatte. Auch wenn er es nicht verstand, so war ihr das doch ein großes Bedürfnis. Menschen waren in vielerlei Hinsicht unzulänglich, aber Thalia sah großzügig darüber hinweg. Jan hatte so viele gute Eigenschaften, und sie liebte ihn heiß und innig dafür

An den Wochenenden nahm er sie häufig mit nach draußen.

Jan spielte gern stundenlang an seiner großen, stinkenden Maschine herum, die ihn morgens entführte und abends wieder nach Hause brachte. Thalia nahm dann in gebührender Entfernung ihren Beobachterposten ein und passte auf, dass ihm dabei nichts passierte. Wenn es ihr zu langweilig war, verschwand sie für ein paar Stunden in die Felder, die hinter ihrem Wohnhaus begannen und nirgendwo aufhörten. Dort spielte sie mit dem Kleingetier, was dort kroch und flog. Jan versäumte es nie, sie zu rufen, bevor er wieder in Haus zurückkehrte, mit einem lauten „Thaliiiiia“, und der Betonung auf dem langen „i“ in ihrem Namen, das sie liebte, wie alle Katzen diesen Laut lieben. Thalia kam, wenn er sie rief. Nicht, weil sie das musste – welch absurder Gedanke. Sie kam, weil sie wusste, wie sehr ihm das gefiel.

In den letzten Tagen war Jan von einer gewissen Unruhe erfasst worden.

Und er hatte damit begonnen, in der Wohnung seltsame Dinge zu tun. Auf einmal tauchten große Pappkartons auf, die er langsam mit Gegenständen füllte. Thalia hatte nichts gegen die Kartons. Solange sie noch leer waren, spielte sie Verstecken in ihnen. Leider schien Jan das weniger gut zu gefallen, und er hatte sie bereits zweimal deswegen angebrüllt. Für Thalia war das eine neue Erfahrung, denn Jan verlor selten sein ruhiges Gemüt, und dass er seine Stimme erhob, klang fremd für sie. Fremd – und auch irgendwie bedrohlich. Da Thalia aber kein Grund für eine Bedrohung einfiel, verbuchte sie Jans Ausbrüche unter den vielen Unzulänglichkeiten der Menschen und schenkte ihnen keine weitere Beachtung.

Dann kam der Tag, als Jan sie freundlich und dennoch fühlbar nervös heranlockte, sie packte und in einen Plastikbehälter steckte. Der Behälter roch neu und ungewohnt, und Thalia passte es dort überhaupt nicht. Jan reagierte jedoch nicht auf ihre laut vorgebrachten Beschwerden, packte den Behälter und trug ihn mit sich nach draußen, in die stinkende Maschine. Thalia war starr vor Angst. Sie vergaß sich und begann, ihr Unwohlsein und ihre Furcht laut herauszuschreien. Ihre Töne gingen jedoch in dem Lärm, den die Maschine von sich gab, unter. Jan jedenfalls schien sie gar nicht zu registrieren.

Die Fahrt schien sich endlos hinzuziehen. Irgendwann verstummte die Maschine, und auch das merkwürdige Ruckeln hatte aufgehört. Der Behälter wurde gepackt und aus der Maschine getragen. Thalia, die sich ganz schwindelig und verschreckt in die hinterste Ecke des Behälters zurückgezogen hatte, fühlte sich auf einmal unsanft auf den Boden gesetzt. Und dann wurde die Tür des Behälters geöffnet. Licht dran herein, und eine gewisse Freundlichkeit. Thalia hörte, wie ihr Name gerufen wurde. Und es war Jan, der sie rief. Sie beschloss, ihre Furcht zu überwinden und kroch vorsichtig hinaus.

Tatsächlich, es war Jan, der da direkt vor ihr stand. Erleichtert sprang sie auf ihn zu und rieb sich glücklich an seinen Beinen. Dann war ja alles in Ordnung!

Neben Jan standen weitere Menschen. Ein männlicher großer, eine weibliche große und zwei halbgroße Menschen undefinierbaren Geschlechts. So etwas kannte Thalia. Jungmenschen liebten sie, diese Erfahrung hatte sie schon häufiger gemacht, wenn Jan welche in ihre gemeinsame Wohnung ließ. Die Jungmenschen waren laut, hektisch und ihre Bewegungen nur schlecht koordiniert – aber sie waren entzückend in ihren offenen Liebesbekundungen. Dies bewahrheitete sich auch jetzt, denn die Jungmenschen stießen bei Thalias Anblick entzückte Laute aus und kamen näher, um sie zu streicheln. Thalia ließ es geschmeichelt geschehen. Sie nahm auch die Einladung an, zwei in ihrer Nähe platzierte Futterschüsseln näher zu inspizieren. Wie überaus aufmerksam!

Die Wohnung, in der sie sich befand, roch fremd und aufregend. Sie roch nach den Menschen, die sie gerade begrüßt hatten, und sie roch so überhaupt nicht nach Katze. Von den Menschen neugierig beobachtet, startete Thalia ihre Erkundungstour. Die Wohnung schien viel größer zu sein als die Behausung, die sie mit Jan teilte. Außer einer großen Küche gab es ein Zimmer, um sich auf herrlichen Polstermöbeln auszustrecken. Dann gab es zwei kleinere Zimmer, in denen die Jungmenschen nächtigten, und ein großes Zimmer, wo sich anscheinend die beiden alten Menschen zum Schlafen niederlegten. In einem weiteren Raum, der über eine großzügige Aussicht auf Felder da draußen verfügte, erblickte Thalia direkt über einer einladenden Wärmequelle eine kuschelige Decke. Als sie diese Decke näher in Augenschein nahm, fiel ihr gleich auf, dass sie nach ihr, Thalia, roch. Richtig, das war die Decke, die sie von daheim kannte. Irgendwie beruhigte sie dieser Geruch, denn er verband sie mit dem Vertrauten aus Jans und ihrem Zuhause.

Thalia erkundete die Wohnung ausführlich und intensiv. Dann kehrte sie in die Küche zurück, um eine kleine Stärkung zu sich zu nehmen. Als sie sich umschaute, um Jan darauf aufmerksam zu machen, dass es nun aber bald Zeit würde für das Abendritual, war er verschwunden. Sie suchte die gesamte Wohnung genauestens nach ihm ab. Aber da war nichts mehr, was auf ihn hindeutete. Jan war fort. Sie war noch da. Sie beschloss, auf ihn zu warten.

***

Thalia wartete geschlagene zwei Wochen darauf, dass Jan zurückkehrte, um sie zu holen. Sie ließ es in der Zwischenzeit zu, dass die beiden Jungmenschen sich rührend um ihr Wohlbefinden kümmerten. Sie gestattete es den Menschen in dieser Fremdwohnung, sie zu berühren, sie zu streicheln und ihr die erforderliche Referenz an ihr Katzendasein zu geben. Sie nahm die Nahrung an, die man ihr hinstellte. Und sie schlief nächtens auf der Decke, die so schön nach daheim roch. Nie suchte sie jedoch die Schlafstätten auf, die die Fremdmenschen benutzten. Häufig fand man sie auf der Fensterbank, wo sie träumend hinausschaute. Hätten die Menschen ihre Gedanken lesen können (Menschen sind so was von unzulänglich!), dann hätten sie bemerkt, dass sie einfach nur wartete. Sie wartete auf Jan, denn sie vermisste seine Stimme, seinen Geruch, seine Berührungen. Sie vermisste ihre gemeinsamen Rituale. Sie vermisste es, sich des Nachts an ihn zu kuscheln und ihn morgens zu wecken. Ja, sie vermisste es sogar, von ihm angeschrieen zu werden. Sie vermisste ihn vollkommen.

Dann kam der Tag, als die Jungmenschen beschlossen, Thalia mit nach draußen zu nehmen. Es war ein recht kalter Tag, aber die Sonne schien einladend und die Luft roch nach Abenteuern. Die Jungmenschen tollten durch etwas, was sich bei genauerer Inspektion durch die vorsichtige Katzennase als besonders kalte Form des Abscheu erregenden Wassers erwies. Angeekelt schüttelte Thalia den Kopf, und besah sich dann die Umgebung. Und auch wenn sie in nicht allzu weiter Ferne stinkende Maschinen erblickte, so war dies doch nicht die vertraute Umgebung, die sie kannte. Sie blickte auf in das unendliche Blau über sich, sie fühlte die Strahlen der Sonne auf ihrem Fell, sie gab ihrer Sehnsucht nach Jan etwas Raum – und plötzlich empfand sie einen Ruf nach Hause, der so deutlich war, als hätte ihn jemand direkt neben ihr laut ausgesprochen.

Und sie wusste auf einmal, was sie zu tun hatte. Eine unsichtbare Macht hatte ihr den Weg nach Hause mit deutlichen Strichen unübersehbar mitten in ihren Kopf gezeichnet. Und diese neue Information ließ ihre Sehnsucht übermächtig werden. Sie schenkte den beiden Jungmenschen, die gerade hinter einer großen Menge Schnees fast verschwunden waren, keinen zweiten Blick mehr. Stattdessen blickte sie nach vorn, in diese Felder, die kein Ende zu nehmen schienen. Thalia wusste es jetzt besser: Am anderen Ende der Felder, davon überzeugte sie das innere Sehnen, befand sich ihr Haus. Dort würde sie die stinkende Maschine vorfinden, an der Jan so gern herumbastelte. Und er würde ihrer ansichtig werden, sie rufen, und sie würde seinem Ruf folgen. Und alles würde wie immer sein. Als Thalia an diesem Punkt ihrer Träumerei angelangt war, lagen zwischen ihr und dem Haus der Fremdmenschen bereits mehrere Hundert Meter. Thalia hatte ihre Heimreise angetreten.

Der erste Tag verlief relativ ereignislos, wenn man von vielen neuen Geräuschen, Gerüchen und Gefahren einmal absah. Thalia verfolgte stur den ihr inne wohnenden Plan, und ließ sich durch nichts davon abbringen. Sie war das lange Laufen nicht gewöhnt, aber weil sie sich auf nasser Erde bewegte, schmerzten nur ihre Muskeln. Thalia ignorierte dies und verzichtete auf unnötige Verschnaufpausen. Hin und wieder ließ sie sich dazu herab, das gefrorene Wasser aufzulecken. Nahrung vermisste sie nicht.

Als es Nacht wurde, fand sie eine verlassene, hölzerne Behausung, die immer noch leicht nach den Menschen roch, die sie einst zusammengezimmert hatten. Warm war sie nicht, aber immerhin trocken und von Wind und Wetter geschützt. Dort rollte Thalia sich zusammen und vermisste vor dem Einschlafen kurz die kuschelige Decke, die sie immer so schön an daheim erinnert hatte. In der Nacht wachte sie kurz auf und wanderte nach draußen, um sich dort zu erleichtern. Die fremden Gerüche verschreckten sie nicht, sondern schienen sie an etwas längst Vergangenes zu erinnern. Thalia konnte im Dunkeln gut sehen, eine Eigenschaft, die sie daheim so gut wie nie gebraucht hatte. Jetzt kam sie ihr zugute. Sie erkannte allerlei kleine Tiere, die sich in den Feldern bewegten. Ganz weit in der Ferne schienen kleine Lichter, die auf weitere menschliche Behausungen hindeuteten. Die Kälte gab leise, klirrende Geräusche von sich. Alles verriet die Ordnung der Natur, und befriedigt kehrte Thalia in den kleinen Schuppen zurück und legte sich erneut zum Schlafen nieder.

Am zweiten Tag tötete Thalia ihre erste Maus. Sie schlang das kleine Tier herunter und würgte kurz, als dessen winzige Knochen ihre Speiseröhre kitzelten. Niemand hatte ihr verraten, dass sie dieses Tier essen konnte, um ihren Hunger zu stillen. Sie gehorchte dem inneren Plan, der sie führte. Nach der Mahlzeit lief sie weiter, ein wenig verwundert über sich selbst.

Die zweite Nacht hätte Thalia gern in der Nähe der Menschen verbracht. Etwas in ihrem Inneren sehnte sich nach den so unzulänglichen, doch gleichzeitig so vertrauten Gefährten. Als es dunkel wurde und Thalias Muskeln ihr verrieten, dass sich ihr heutiger Einsatz definitiv seinem Ende näherte, hatte sie gerade eine einladend leuchtende menschliche Behausung erreicht, deren Türe sich in diesem Moment öffnete, um einen gerade heimkehrenden Menschen aufzunehmen. Doch als Thalia neben diesem Menschen in die Wärme hineinflüchten wollte, wurde sie böse überrascht. Der Mensch erblickte sie, und statt dass er ihr die fällige Referenz an ihr Katzendasein erwies, begann er doch tatsächlich, nach ihr zu treten und in wütendes Gebrüll auszubrechen! Pikiert suchte Thalia das Weite, bis sie nach einer Weile wieder einen Schuppen fand, der ihr für die Nacht ein kaltes, aber sicheres Obdach bot. Sie schlief trotz der erlittenen Demütigung schnell ein, denn in ihr glühte weiterhin ihr Ziel. Das letzte Bild, was vor ihrem inneren Auge erstand, war Jans Bett, in das sie sich glücklich einkuschelte.

Am dritten Tag fand Thalia keine Maus, die sich von ihr bereitwillig fressen ließ.

In der dritten Nacht erschien keine menschliche Behausung vor ihren Augen. Sie schlief unter einem Baum, dessen Wurzeln sie notdürftig vor der allgegenwärtigen Kälte abschirmten.

Den vierten Tag lief Thalia wie in Trance, einfach dem inneren Wegweiser folgend. Sie lief über Felder und durch ein paar kleinere Waldstückchen, in denen sie jedoch ein paar Würmer fand. Auch diese waren essbar.

Die vierte Nacht verbrachte Thalia unter freiem Himmel. Es war kalt, und ihre Pfoten brannten. Kurz vor dem Einschlafen beschlich sie das Gefühl, sie könnte sich in Bezug auf ihren inneren Wegweiser geirrt haben.

Also änderte sie am fünften Tag ihre Richtung. Ihre Laufgeschwindigkeit verringerte sie jedoch nicht.

Am fünften Abend versank sie völlig übermüdet in Schlummer, ohne ihre allabendliche Toilette durchzuführen.

Am sechsten Tag war ihr ihr Aussehen völlig egal. Sie erleichterte sich an einem Feldrand, ohne ihre Exkremente hinterher zuzuscharren, denn ihre Pfoten schmerzten längst zu sehr dafür.

Die sechste Nacht verbrachte sie mitten auf einer stinkenden Maschine, die erst kürzlich ihren aktiven Dienst eingestellt hatte und immer noch eine in Thalias Augen anheimelnde Wärme ausstrahlte. Sie wurde erst geweckt, als der zu der Maschine gehörende Mensch die Maschine am nächsten Morgen mit lautem Getöse zu neuem Leben erweckte. Zu Tode erschrocken flüchtete sie sich in das nahe Gebüsch und setzte ihren Weg erst fort, als sich ihr Herzschlag wieder auf einen normalen Rhythmus eingependelt hatte.

Am siebten Tag wurde sie zweimal beinahe von einer stinkenden Maschine überfahren, und ihr prägte sich ein unbändiger Hass auf diese Maschinen ein, die auch ihre Erinnerung an Jan und seine Maschine nicht mehr entfernen konnte.

In der siebten Nacht – sie fand keinen Schlaf mehr – erreichte sie die Stadt.

Am achten Tag wurde sie von johlenden Jungmenschen mit Steinen beworfen und von einem älteren Fremdmenschen von einer sehr einladend riechenden Tonne verjagt, die ihr durch ihren Geruch Nahrung versprochen hatte.

Die achte Nacht verbrachte sie, inzwischen permanent leicht zitternd, auf einem Hausdach dicht an einen Kamin gekuschelt, der Wärme abgab. WÄRME! Ihre Erinnerungen verloren sich langsam, und sie konnte das Gefühl der WÄRME nicht mehr mit einer Begebenheit aus ihrer Vergangenheit assoziieren. Immer noch aber war sie davon überzeugt, dass sie am Ende ihres Weges eben diese WÄRME mit all ihren Behaglichkeiten erwartete.

Am neunten Tag ihrer Reise wurde sie von liebevollen Fremdmenschen gefüttert, die Mitleid mit dem räudigen Geschöpf hatten, das einst eine stolze Vertreterin ihrer Art gewesen war. Kurz überlegte Thalia, diese Gastfreundlichkeit noch etwas länger in Anspruch zu nehmen. Als ihre Kräfte jedoch zurückkehrten, sah sie wieder das Bild von Jan vor sich, und Thalia beschloss ohne zu zögern, ihren Weg weiter fortzusetzen.

In der neunten Nacht fühlte sie sich plötzlich ihrem Zuhause ganz nahe, und sie schlief nicht.

Am zehnten Tag erkannte sie, dass ihr Gefühl sie betrogen hatte. Sie beklagte sich jedoch nicht, sondern lief weiter.

Auch die elfte Nacht lief sie durch.

Am zwölften Tag erreichte sie schließlich ihr Ziel.

***

Das Geschöpf, das sich auf einmal in vertrauten Gefilden wieder fand, glich der einstmals so schönen Katze, die Thalia einmal gewesen war, nicht um ein Haar.

Ruppig war das Fell geworden, und so mancher Stacheldrahtzaun hatte Löcher in die tigerhaften Muster auf ihrem Rücken gerissen. Das ehemals so zarte und daunige Bauchfell war verfilzt, und der Körper auf einen Bruchteil seines ursprünglichen Gewichts abgemagert. Außerdem beherbergte die bemitleidenswerte Gestalt zahlreiche neue, penetrante kleine Gäste, die ihre widerwärtig-winzigen Stachel in die nun raue und ruppig gewordene Haut bohrten, um an das Blut darunter zu gelangen. Die Katze, die einst Thalia gewesen war, registrierte dies nur noch am Rande.

HIER war sie richtig.

Dies war der Ort, an dem Jan immer an seiner stinkenden Maschine gebastelt hatte… und hier ganz in der Nähe war der Eingang zu ihrem Zuhause…

Und jetzt müsste Jan vor ihr stehen… und sie rufen… damit sie gemeinsam nach drinnen gehen könnten, um zu essen und dann zu ruhen… mein Gott, sie war soooo müde…. Und sie schaute an sich herunter, erkannte plötzlich, in welchem Zustand sie sich befand… es war wirklich Zeit, sich ins Bett zu kuscheln, oder zumindest auf die Decke, die so schön nach Zuhause roch… wo war denn nur Jan? Es war doch alles richtig, was sie empfand? Warum rief er sie dann nicht? Sie war doch hier! Alles stimmte. Ihr innerer Wegweiser hatte sie nicht betrogen. Sie war am Ziel. Hier war ihr Zuhause. Hier fühlte sich alles nach Zuhause an.

Die Katze, die einst Thalia gewesen war, schaute sich um. Und sie erkannte, dass sich in ihre Erinnerungsmuster Fehler eingeschlichen hatten. Dort in der Ecke hätte Jans stinkende Maschine stehen müssen – doch die Ecke war leer.

Hier war der Eingang zu ihrem Zuhause. Die Tür stand offen, also schlich sie sich ungefragt – und ungerufen – hinein. Ja, sie hatte sich nicht geirrt. Ihre Sinne täuschten sich nicht. Nur – die Wohnstätte war verlassen.

Thalia schlich durch die Zimmer ihrer einstigen Behausung. Nichts war mehr da, was sie an früher erinnerte, bis auf ein paar hartnäckige Gerüche. Hier war einmal die Küche gewesen, in der Jan sie immer morgens gefüttert hatte. Gleich nebenan das Badezimmer, wo er sich immer dieses unsägliche Wasser übergeschüttet hatte. Thalias Geruchssinn erspürte, dass hier schon sehr lange Zeit kein Wasser mehr geflossen war. Im Raum daneben fehlte das bequeme Sofa, auf das sich Jan immer am Ende seines Tages hatte fallen lassen. Und natürlich war die bequeme Decke, die so schön nach ihnen beiden und nach ZUHAUSE roch, auch nicht mehr an ihrem gewohnten Platz.

Das Bett fehlte. Kein Platz mehr, an dem man sich zur Nacht einrollen konnte. Keine Schüsseln mehr in der Küche, die Nahrung für Thalia bereithielten. Das Zuhause war keines mehr. Thalia versuchte einmal mehr, Jans Spuren zu lokalisieren, aber da war nicht mehr viel zu erspähen. Die Spuren waren kalt. Jan war schon lange nicht mehr hier gewesen.

Er war verschwunden.

An diesem Punkt versagten Thalias Sinne ihren Dienst.

Sie entfernte sich aus der Behausung, die nicht mehr die ihre war. Die nahen Felder versprachen Trost. Das Ende ihrer Reise war erreicht, und Thalia war plötzlich ganz unaussprechlich müde.

Und auf einmal störte sie die allgegenwärtige Kälte nicht mehr. Sie spürte nicht mehr die Schmerzen in ihren Pfoten, in die der Asphalt auf dem Weg hierher tiefe und blutige Spuren gezogen hatte. Sie spürte wohl noch das letzte Aufbäumen ihres Herzens, das plötzlich in Flammen zu stehen schien und sie mit einer wohligen Wärme überzog.

Thalia legte sich zum Schlafen nieder. Hier war sie sicher. Hier würde sie niemand finden, es sei denn, er würde durch seines Herzens Schritte gelenkt. Sie ergab sich dem Schlaf, und sie fand Trost in den letzten Bildern, die ihr Herz ihr in einer letzten Anstrengung übermittelte. Jan stand plötzlich vor ihr, und er rief ihren Namen.

Während eine ihr unbekannte Hand über ihren schäbigen Körper strich, seufzte Thalia noch einmal schnurrend auf. Ergab sich dem inneren Bild, und folgte dann einem Ruf, den nur sie noch hörte.

(2005)