BABEL -
Wenn der Schmetterling mit dem Flügel schlägt

Foto: Tobis Film

Wen interessiert es, wenn in China ein Sack Reis umfällt? In Zeiten der Globalisierung können kleine Ereignisse weltumspannende Konsequenzen haben. Die Welt ist zusammengerückt – und scheitert an ihrem Mangel an Gemeinschaftlichkeit und Kommunikation. Der neue Film von Kultregisseur Alejandro Gonzáles Iñárritu („Amores Perros“, „21 Gramm“) erzählt vom Flügelschlag des Schmetterlings – und seinen fatalen Folgen.

Im Hinterland Marokkos: Voller Stolz haben die jungen Ziegenhirten Ahmed und Yussef aus den Händen ihres Vaters das Jagdgewehr erhalten, mit dem sie die familieneigene Herde fortan vor gefräßigen Schakalen bewahren sollen. Um die Reichweite der Flinte auszutesten, schießen sie probeweise auf einen entfernt vorbeifahrenden Reisebus. Und sind enttäuscht, als der Schuss zunächst ohne Folgen zu bleiben scheint. Wenig später hält der Bus jedoch an, weil einer der Passagiere schwer verwundet wurde, und eine Lawine, die niemand der Protagonisten noch kontrollieren kann, nimmt ihren Lauf.

Foto: Tobis Film

 

 

 

 

 

 

 

Der Bus transportierte eine Gruppe amerikanischer Touristen, unter ihnen auch das in die Jahre gekommene Ehepaar Richard (Brad Pitt) und Susan (Cate Blanchett), die sich seit dem Tod ihres jüngsten Kindes nicht mehr viel zu sagen haben. Susan ist diejenige, die durch den Schuss verletzt wurde, und Hilfe ist weit in der marokkanischen Felswüste. Ein Einheimischer bringt das Ehepaar in seinem Zuhause unter und versorgt Susan mit dem Notwendigsten, und dann bleibt nur noch, auf Hilfe zu warten. Ein Anruf bei der amerikanischen Botschaft bewirkt zwar ein internationales Medienecho. Aufgrund der Befürchtung diplomatischer Verwicklungen, schließlich könnte es sich ja um einen terroristischen Anschlag handeln, bleibt der Rettungshubschrauber jedoch vorerst aus.

Durch diese Verzögerung tut sich für Amelia, das Kindermädchen des Ehepaars, die im fernen San Diego die Geschwister Debbie und Mike betreut, ein großes Problem auf: Am nächsten Tag heiratet ihr Sohn in Mexiko, aber wer soll in der Zwischenzeit auf die Kids aufpassen? Amelia beschließt, die zwei einfach mitzunehmen. Amelias Neffe Santiago (Gael García Bernal, „La Mala Educación“, „The Science of Sleep“) befürchtet Ärger – und soll Recht behalten.

Im turbulenten Tokio begleiten wir derweil die lebenslustige Taubstumme Chieko durch ihren Tag und die anschließende Nacht. Das ausgelassene Mädchen erlebt mehrfach die Enttäuschung, von ihrer männlichen Umwelt missverstanden oder ignoriert zu werden. Als ihr in einer Diskothek auch noch ihre beste Freundin ihren Favoriten vor der Nase weg schnappt, beschließt sie, doch den jungen Polizisten zurück zu rufen, der ihr ein paar Fragen zu ihrem Vater stellen wollte. Sie ahnt nicht, dass es der Polizei diesmal nicht um den kürzlich erfolgten Selbstmord ihrer Mutter geht, sondern um ein Jagdgewehr, welches der Vater im Urlaub einem marokkanischen Ziegenhirten schenkte.

Bilder sagen mehr als tausend Worte, und ein guter Kinofilm bestätigt diese eherne Regel. Eine Geschichte, die sich nicht nur durch mehrere kunstvoll miteinander verknüpfte Zeitebenen schlängelt, sondern zudem ganze Kontinente miteinander verbindet und auch wieder trennt, kann nicht durch ausgefeilte Drehbuch-Dialogzeilen überzeugen, sondern nur durch eine konsequent umgesetzte, global verständliche Kameraführung.

Foto: Tobis Film

 

 

 

 

 

 

 

BABELs Bilder bewegen sich in einem all-umspannenden Hyperraum, der sich den einzelnen Erzählebenen immer wieder mikroskopisch sezierend nähert, nur um sich gleich darauf durch das Auflösen der Räume zu entfernen. Der Oscar-nominierte Kameramann Rodrigo Prieto („Brokeback Mountain“) schlüsselt einzelne kulturelle Unterschiede in ästhetisch verstörende Sequenzen auf und visualisiert übergreifend das allen weltweit verstreuten Protagonisten eigene Grundproblem: Die erfolglose Kommunikation.

Foto: Tobis Film

 

 

 

 

 

 

 

Der Regisseur Gonzáles Iñárritu formuliert sein hoch gestecktes Ziel so: „Oberflächlich betrachtet kann man sagen, dass es in BABEL um das Scheitern von Kommunikation geht. Für mich geht es darüber hinaus auch darum zu zeigen, wie verletzlich wir als menschliche Wesen sind. Wenn eine Kette reißt, liegt das nicht am schwächsten Glied, sondern an ihrem Gesamtzustand.“ Den Filmtitel BABEL hat er gewählt, weil dieser das gesamte Konzept menschlicher Kommunikation – ihre Ziele, ihre Schönheit und ihre Probleme – in einem Wort ausdrückt. Eine hehre Aufgabe bravourös gemeistert – nicht umsonst erhielt der Regisseur für den Film die Goldene Palme von Cannes.

Corinna Kahl · Fotos: TOBIS Film 

 

 

Dieser Artikel erschien zunerst im Januar 2007 in der “Im Endeffekt” Ausgabe 12.