Rozumiem! – Ich verstehe!

Mein Polnischkurs in Krakau

Wie viele Gespräch an der Notrufsäule führe ich in einer Fremdsprache? Gefühlt mindestens fünfzig Prozent. Selbst Melder, die eigentlich im Deutschen recht sattelfest sind, verfallen in dieser besonderen Stresssituation an der Säule gern in ihr Heimatidiom. Sich in der eigenen Sprache ausdrücken zu können beruhigt, verleiht Sicherheit und hilft dem Melder dabei, die Informationen über den Standort und über die Situation vor Ort gezielt zu übermitteln. Im Gegenzug kann ich als Agentin sicher sein, dass der Melder meine Sicherheitsabfragen zu Beginn und die Hinweise am Ende des Gesprächs vollständig zur Kenntnis nimmt (“Haben Sie Warnblinker an?” – “Ja, ja!”. “Haben Sie ein Warndreieck aufgestellt?” – “Ja, ja!”. “Sie verstehen nicht ein Wort von dem, was ich sage – richtig?” “Ja, ja!”).

Erst gestern wurde ich wieder gefragt, warum ich ausgerechnet zwei Wochen nach Krakau gefahren bin. Nun, die Antwort ist einfach: Die Firma bot für die Notrufagenten Sprachkurse an, Englisch, Russisch und Polnisch. Englisch und Russisch konnte ich schon. Also habe ich an dem Polnischkurs teilgenommen. Außerdem war ich vor gut zwanzig Jahren mit dem Auto nach Auschwitz gefahren und hatte auf der Rückfahrt kurz in Krakau Station gemacht. Ich erinnerte mich an den großzügig angelegten Marktplatz inmitten der Altstadt, an die vielen alten Blumenfrauen auf dem Markt und an diverse Stände mit Silberschmuck. Die Atmosphäre war unglaublich friedvoll und gleichzeitig aufregend gewesen. Die ganze Stadt atmete Geschichte! Ich schwor mir, eines Tages wiederzukommen, um sie genauer kennen zu lernen. Kurz: Ich hatte unglaublich große Lust auf diese Stadt. Unser Firmen-Polnischkurs ging bereits in die zweite Staffel und so wurde es Zeit, das bisher erworbene Wissen im Land selbst zu erweitern und zu vertiefen. Ich durchpflügte das Internet nach geeigneten Angeboten und wagte es schließlich sogar, nach “Polnisch Bildungsurlaub Krakau” zu googeln. Tatsächlich wurde ich schnell fündig: Die PNTA (Deutsch-Polnische Gesellschaft) bietet Sprachkurse direkt in Krakau an, die in Hamburg als Bildungsurlaub anerkannt sind. Großartig! Ich kaufte einen großen, blauen Koffer und ein Zugticket, setzte mich in den Berlin-Warschau-Express und fuhr ins Unbekannte. So ist das gekommen.

Krakau empfängt seine Besucher im Sommer mit einem unwiderstehlichen Charme. Irgendetwas, städtisch angesiedelt zwischen Paris und Simferopol, liegt in der Luft. Fin de Siécle trifft auf spätkommunistischen Gigantomanismus. Katholizismus praktiziert neben Jeunesse dorée. Dazwischen tauchen immer wieder wir Deutschen auf, prügelten uns bei Tannenberg, trugen kulturell zum Stadtbild bei, machten im zweiten Weltkrieg eine denkbar schlechte Figur und dominieren heute ganze Straßenzüge und Einkaufskomplexe mit Rossmann-Drogerien, Saturn-Filialen und Mediamärkten. Nach meiner Ankunft übernachtete ich in einer deutschen Pension in der Nähe des Hauptbahnhofs, gönnte mir einen freien Sonntag zur ersten Erkundung meiner neuen Umgebung und zog dann am Abend zu Maria Herian, einer alleinstehenden Großmutter aus dem Ortsteil Nowy Kleparz, und ihrem Hündchen Kora (Unterkunft im Kurspreis inbegriffen). Am nächsten Morgen stellte ich mich den Aufnahmeprozeduren meiner Sprachschule.

Nach drei Monaten zielgerichteten Spracherwerbs und intensiven Vokabeltrainings fühlte ich mich zu fortgeschritten für den Anfängerkurs und absolvierte einen Einstufungstest. Dessen erster Teil bestand aus Fragen zur Grammatik, die mit dem multiple-choice-Verfahren zu beantworten waren. Dank meines Slawistik-Studiums kam ich ziemlich weit: Was ich nicht wusste, konnte ich aus dem Russischen oder aus dem Altslawischen ableiten. Der zweite Teil bestand aus einer leeren Seite mit der Überschrift: “Mój dzien” (Mein Tag). Nach kurzem, vergeblichem Überlegen ließ ich die Seite so, wie sie war. Auf die schriftliche Prüfung folgte dann eine mündliche Befragung. Ich scheiterte grandios bereits an der zweiten Frage: “Woher kommst Du?” (meinen Namen hatte ich gerade noch sagen können). Die Lehrerin wirkte leicht irritiert, offensichtlich hatte sie nach dem schriftlichen Test mehr von mir erwartet. Dann aber fragte sie mich nach meinem Job. Und endlich konnte ich glänzen! Erfreut schilderte ich ihr in fließendem Polnisch einen kompletten Massenunfall mit LKWs, PKWs, zwei blockierten Fahrspuren und mehreren Verletzten auf der A2 Richtung Berlin. Nur so als Beispiel. Dann drehte ich den Spieß um und befragte sie nach ihrem eigenen Fahrzeug. Als wir damit durch waren, lief ich zu innerer Hochform auf, erfreute sie und mich mit den abschließenden Sicherheitshinweisen, bat sie, noch eine Warnweste anzuziehen und beschloss meinen kleinen Vortrag mit dem Satz, mit dem ich am allerliebsten einen Notrufcall beende: “Alles wird gut.” Meine Lehrerin lächelte freundlich – und packte mich dann in den Kurs der Leute mit den merkwürdigen Vorkenntnissen. Was für mich zwei äußerst arbeitsintensive Wochen zur Konsequenz hatte. Denn Polnisch ist eben nicht gleich Russisch, und was am Anfang ein Segen schien, entpuppte sich spätestens bei den Vorbereitungen zum Abschlusstest als Fluch. Genitiv Plural! Ordnungszahlen! Possessivpronomen! Und zur Krönung des Ganzen: Die Uhrzeit.

Nachmittags nach dem Unterricht erkundete ich Krakau. Ich aß Pirogen mit Quark, Pirogen mit Pilzfüllung und Pirogen mit Soße und schwelgte in altpolnischer Küche, die für mich Nicht-Karnivoren viele gemüsige Schmankerln bereit hielt: zahlreiche verschiedene Kohlarten, Borschtsch und Pilze, Kartoffeln und Eier, auf unterschiedlichste Art zubereitet. Für mein Abendessen zahlte ich im Restaurant zwischen zwei und fünfzehn Euro, nie mehr. Mein Lieblingsrestaurant wurde das “Glonojad” (“Algenfresser”), eine vegetarische Bar am Plac Matejki in unmittelbarer Nähe der Innenstadt – und der Straßenbahnhaltestelle Richtung Bronowo, wo mich allmorgendlich mein Sprachkurs erwartete. Hier gab es Milchkaffee mit Sojamilch, frische Smoothies und meine geliebtes “jaiko sadzone” zum Frühstück – Spiegelei. Kulinarisch reiste ich in meinen zwei Wochen in Krakau einmal um den Globus. Ich aß polnisch, italienisch, polnisch, indisch, Thai, polnisch, chinesisch und wieder polnisch. Und jüdisch: den ersten gefilten Fish meines Lebens. Während neben mir eine Klezmerkapelle alles aus Fidel, Bass und Akkordeon herausholte, was nur irgendwie möglich war.

Krakau ist voller Legenden. Jede Straße, ja sogar jedes Gebäude erzählt seine eigene Geschichte! Krakau hat einen Hexenmeister, Pan Twardowski, der unserem Doktor Faustus nicht unähnlich ist. Nikolaus Kopernikus hat hier studiert. Der Maler Jan Matejko, ebenfalls in Krakau beheimatet, prägte mit seiner Kunst nicht nur das Interieur der zauberhaften Marienkirche auf dem Rynek, dem Marktplatz im Zentrum – seine Werke prägten gar entscheidend das polnische Selbstverständnis als eigenständige Nation. Oskar Schindler übernahm im Stadtteil Podgorze seine Emaillefabrik, die ihm die Rettung tausender Juden vor der Vernichtung ermöglichte. Trotzdem starben unzählige Menschen im Konzentrationslager Plaszow, in unmittelbarer Nähe des Krakauer Ghettos. Das Ghetto überlebte ein kleiner Junge namens Roman Polanski, heute als Filmemacher mehrfahrer Oscarpreisträger. Kazimierz, das alte jüdische Viertel, wird heute von jungen Juden, Künstlern und Studenten aus aller Welt wiederbelebt – es brodelt in den alten Gassen an allen Ecken und Enden. Am nördlichen Rand von Kazimierz findet man das Frania Café, Krakaus urigsten Waschsalon, der bis Mitternacht geöffnet ist – und geht man von dort die Hauptstraße herunter, findet sich nach ein paar hundert Metern die beste Eisdiele der Galaxis.

Die meisten Geschichten rund um den zweiten Weltkrieg herum sind tragisch. Eine findet ein versöhnliches Ende und sei darum hier kurz wiedergegeben: Die Geschichte vom kleinen Szachne. Szachne heißt heute Stanley Berger und wohnt in Kanada. Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Seine Eltern Helena und Jozef Hiller waren 1942 zusammen mit ihrem kleinen Sohn ins Ghetto von Podgorze gekommen. Mit der Hilfe des polnischen Widerstands gelang es Helena Hiller, ihren kleinen Sohn bei polnischen Pflegeeltern unterzubringen. Sie hinterließ ihm drei Briefe, bevor sie und ihr Mann verschwanden: Kurz nachdem sie ihren Sohn übergeben konnte, wurde das Ghetto liquidiert. Die polnische Pflegefamilie zog den kleinen Szachne auf, wie ihren eigenen Sohn. Sie behielten den Jungen auch nach dem Krieg und gaben ihm eine glückliche Kindheit. Um bei den Nachbarn keinen Argwohn zu erregen, überlegten sie sich, den Jungen taufen zu lassen und riefen den Priester zu Hilfe, um gemeinsam zu überlegen, wie man die Taufe bewerkstelligen könnte, ohne dass Szachne als Überlebender des Holocaust stigmatisiert wurde. Der Priester kam – und entschied zur großen Verwunderung der Familie, dass man den Wünschen der Mutter des Jungen Folge leisten solle, so wie sie es in ihren Briefen beschrieben hatte: Der Junge solle sich immer auf den Glauben seiner Väter besinnen und stolz auf diesen sein. Ein weiterer Brief war an entfernte Verwandte in Kanada gerichtet, und schweren Herzens machte sich die polnische Pflegemutter auf, diese Verwandten zu finden. Wenig später schickten sie Szachne nach Kanada. Szachne vergaß seine polnischen Eltern nie. Er hielt den Kontakt aufrecht und unterstützte sie später finanziell, als er ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden war. Während eines Telefonats in den siebziger Jahren entschloss sich seine polnische Pflegemutter, ihm endlich die Geschichte zu erzählen, warum sie ihn nach Kanada geschickt hatten. Und stolz berichtete sie ihrem Jungen, dass eben dieser Krakauer Priester, der ihnen damals geraten hatte, den Glauben und den Wunsch seiner Mutter zu respektieren – dass dieser Priester soeben zum Papst gewählt worden war.

Am Ende meines zweiwöchigen Aufenthalts in Krakau konnte ich nicht nur die Uhrzeit auf Polnisch sagen. Ich konnte auch mitteilen, wie ich heiße und woher ich komme. Und erzählen, wie ich meinen Tag verbracht hatte und dass ich gern Spiegeleier zum Frühstück esse. Losgelöst von meinem Alltag habe ich es genossen, eiskalt einzutauchen in eine neue und fremde Kultur – die schlussendlich meiner eigenen viel näher steht, als ich zunächst angenommen hatte. Ich weiß jetzt, warum der Trompeter der Krakauer Marienkirche mitten im Spiel abbricht, wenn die volle Stunde schlägt. Ich bin auf den Spuren von Oskar Schindler durch die ganze Stadt gelaufen und habe die Villa des Lagerkommandanten Amon Göth von innen gesehen. Ich habe auf Polnisch mein Essen bestellt und mit den Marktfrauen geschachert. Am Ende hätte mein großer, blauer Koffer beinahe kapituliert vor lauter zusätzlichen Mitbringseln. An der herrlichen Wawel-Schokolade esse ich bis heute. Und freue mich schon heute auf die dritte Staffel unseres Firmen-Polnischkurses, die im September beginnt.

Meinen polnischen Anrufern kann ich jetzt auch einen schönen Tag wünschen. Danach sage ich immer noch “alles wird gut.”

Corinna Kahl

PS: Weitere Infos zur PNTA und den Sprachkursen in Krakau: www.polnischkurse.org

PPS: Weitere Geschichten aus Krakau erzähle ich in meinem Blog auf www.coras-schreibtisch.de

PPPS: Wir haben in der Firma derzeit niemanden, der Rumänisch spricht! Cluj soll ja auch sehr schön sein…

Dieser Artikel erschien zuerst im September 2013 in MEGAFON Ausgabe 4/2013