"Twardowskis Felsen" in Krakaus unmittelbarer Nähe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jede Stadt hat ihren Hexenmeister.

Krakau hat Pan Twardowski. Der Herr Twardowski verkaufte seine Seele dem Teufel, beschwor die Bildnisse von Verstorbenen und jagte bei seinen zahllosen Experimenten ganze Gebirgsketten in die Luft. Pan Twardowski war ein vielbeschäftigter Magier – und vielleicht sogar ein Deutscher.

In Nürnberg geboren wurde nämlich ein deutscher Adeliger namens Laurentius Dhur oder lateinisch Durus, der in Wittenberg Magie studiert hatte und von 1565 bis 1573 in Krakau lebte, am Hofe des Königs Sigismund II. Das Lateinische “durus” entspricht dem polnischen “twardy” (beides bedeutet “hart”). Auch sind Ähnlichkeiten im Lebenslauf mit dem eines gewissen Herrn Doktor Johann Faust sicherlich nicht ganz zufällig, wird doch auch Pan Twardowski hin und wieder mit dem Vornamen “Jan” angesprochen.

 

Als Pan Twardowski in Krakau lehrte, war die Barbakane (ein Festungstor gebaut etwa 1498) mit damals gerade einmal 65 Lenzen auf dem Buckel noch relativ jung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pan Twardowski studierte am Collegium Maius, einer der ersten Universitäten Europas – nur wenige Jahre nach Nikolaus Kopernikus (dessen Hinterlassenschaften noch heute dort bewundert werden können). Er soll ein fleissiger Student gewesen sein, dem aber irgendwann der an der Uni vermittelte Lehrstoff einfach nicht mehr genügte. Ihm dürstete es nach den wahren Mysterien des Lebens: Dem Stein der Weisen und dem Geheimnis ewiger Jugend. Und so richtete er sich nicht weit vom Stadtzentrum in der Nähe des Dorfes Zakrzówek ein geheimes Alchimistenlabor ein, in welchem er damit begann, schwarze Magie zu betreiben. Bis – nun ja, bis eines der Experimente gewaltig in die Hose ging.

 

Irgendwann hat es gekracht. Der Felsen brach auf, und seit etwa 1990 entstand um den Krater herum ein flaschengrüner See

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

“Twardowskis Felsen” ist heute ein beliebtes Ausflugsziel. Hier lässt es sich wunderbar wandern, grillen oder tauchen. Inmitten des Sees liegt ein havariertes Boot, an den Seiten sollen sich bis heute geheimnisvolle Höhlen befinden. Der See ist rundherum abgesperrt, und zahlreiche Verbotsschilder warnen vor den Gefahren des Steinschlags oder des Ertrinkens.
Zurück zum Thema.

Kurz, es lief nicht rund für Herrn Twardowski. Und so entschloss er sich dazu, seine Seele dem Teufel zu verkaufen – natürlich unter der Voraussetzung, dass ihm dieser Deal große Achtung und vor allem Erfolg in seinem Metier einbringen sollte. Der Teufel, so sagen es die Legenden, war begeistert und willigte ein. Als Eckdaten wurden vereinbart, dass der Teufel Herrn Twardowski zu Willen zu sein hatte. Twardowskis Seele hingegen sollte des Teufels sein, sobald es diesem gelänge, drei besonders schwierige Aufgaben zu erfüllen. Adam Mickiewicz (welcher wohl für einen weiteren “Pan” keine Verwendung fand) berichtet in seiner Ballade “Pani Twardowska” (“Frau Twardowski”) vom erfolgreichen Teufel, dem die ersten beiden Prüfungen nicht die geringsten Schwierigkeiten bereiteten.

 

 

Polens großer Nationaldichter Adam Mickiewicz steht heute vor den Tuchhallen auf dem Rynek und dient Schulklassen als geschichtsträchtiger Hintergrund.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die dritte Prüfung brach dem Teufel das Genick. Lautete die Aufgabe doch, ein Jahr in “Treu und Glauben” zusammen mit Frau Twardowski zu verbringen. Der Teufel versuchte es gar nicht erst. Sondern verschwand pfeifend durch ein Schlüsselloch. Pan Twardowski war zunächst gerettet, und konnte die Vorzüge des Teufelswerks in aller Seelenruhe auskosten.

In Podgorze gründete er ganz in der Nähe der Kirche des heiligen Josef eine Zauberschule.

 

Die Kirche des Heiligen Josef in Podgorze vor den Stadttoren Krakaus, der Platz war auch Teil des jüdischen Ghettos

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Nähe des Dörfchens Ojcow (heute der kleinste Nationalpark Polens) ließ er den Teufel Felsenformationen ganz nach seinem Willen formen – das bekannteste Beispiel ist die “Nadel des Herkules”. (Anmerkung: Leider war dieser Felsen viel zu weit von meiner Wanderroute entfernt, und so muss ich den Fotobeweis hier schuldig bleiben – ich hoffe jedoch, mit dem “Krakauer Tor” das Auge des geneigten Lesers ansatzweise entschädigen zu können).

 

Die Felsen "Krakauer Tor" - wenn da nicht gleichfalls der Teufel seine Hände im Spiel hatte!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es stieg mit wachsendem Erfolg die Beliebtheit des Pan Twardowski, und schließlich holte ihn König Sigismund an seinen Hof. Dessen geliebte Frau Barbara Radziwill war soeben verstorben, und mithilfe eines Zauberspiegels sowie unter großer Anstrengung gelang es Twardowski, ihren Geist zu beschwören und mit dem des trauernden Königs zu vereinen. Dieser Zauberspiegel soll dann noch bis ins späte 19. Jahrhundert hinein zukünftige Ereignisse vorausgezeigt haben.

 

Wawel. Königssitz. Sigismund blieb nach Barbaras Tod zwar nicht unverheiratet, aber kinderlos - mit ihm erlosch das Geschlecht der Jagiellonen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Den Spiegel hat sich später übrigens Napoleon unter den Nagel gerissen.

Angeblich hat Bonaparte ihn 1812 beschädigt, als ihm der Spiegel seine Niederlage in Russland offenbarte. Wer’s glaubt! Ich gehe die Tage noch mal meine Fotos von Schloss Mailmaison durch, ich bin mir sicher, da hing so etwas in der Art im Billardzimmer.)

 

Krak-Hügel. Von starken magischen Strömungen umgeben. Kein Wunder, dass Pan Twardowski hier ebenfalls gezaubert haben soll

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Derweil Pan Twardowski eine Enzyklopädie und ein weiteres Werk über Magie verfasste (Die Jagiellonski-Universität rühmt sich eines Exemplars in ihren Hallen, welches gar durch die Hand des Teufels gegangen sein soll), arbeitete der Teufel fieberhaft an einem Plan, um der Seele des Zauberers doch noch habhaft werden zu können.

Es wurde vereinbart, dass der Teufel Twardowskis Seele in Beschlag nehmen sollte, sobald dieser sich in Rom aufhielt. Natürlich hatte der Hexenmeister nicht vor, jemals nach Italien zu reisen – und so war es vorerst weiterhin Beelzebub, der Fron- und Sklavendienste zu leisten hatte. Twardowski befahl ihm, sämtliche Silbervorkommen in polnischem Boden der Einfachheit halber alle an eine Stelle zu tragen. Nach Olkusz. Dort befindet sich bis heute eine der ältesten Silberminen Polens.

 

Keine Silbermine - sondern die Drachenhöhle unterhalb der Wawelburg. Auch zauberhaft, nicht wahr?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf Dauer für dumm verkaufen ließ sich der Gehörnte mit dem Pferdefuß jedoch nicht. Er überraschte Twardowski in einer Kneipe namens “Rzym” (“Rom” auf Polnisch, mehrere Kneipen in diversen kleinpolnischen Orten rühmen sich heute dieser Bezeichnung), und damit war Schluss mit lustig. Endlich konnte der Teufel zuschlagen.

 

Die Pijarska in der Nähe des Floriantors - Krakau, altstädtisch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gelang dem übertölpelten Hexenmeister noch, die Jungfrau Maria um Hilfe anzurufen, und diese zeigte Erbarmen: Der Teufel musste Twardowski loslassen – und dieser fiel statt in die Hölle auf den Mond.

Auf dem Mond sitzt Pan Twardowski bis heute. Jeden Tag schickt er eine Spinne auf eine Ecke des Rynek Glowny herab, auf dass sie ihm das Neueste aus der Stadt berichte.

Der Teufel jedenfalls hat sich seitdem in Krakau nicht mehr blicken lassen.

 

Wer hier ganz in der Nähe eine Spinne trifft, der grüße besser freundlich und halte seine Schuhsohen im Zaum