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Coras Schreibtisch

Sannmanns Tomatenfest

Posted by Cora on 28. Juli 2013
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Die Gärtnerei Sannmann in Ochsenwerder

Bei Sannmanns in den Vierlanden durfte wieder selbst ins Beet gegriffen werden – beim diesjährigen Tomatenfest

 

Bei Sannmanns kaufe ich immer mein Gemüse. Also, genauer: ich lasse liefern. Immer dienstags, immer eine Kiste voll mit Gemüsen frisch aus der Region. Was drin ist weiß ich nie genau, das macht für mich den Reiz aus von so einem Gemüse-Abo. Durch meine Biokiste habe ich in den letzten Jahren Postelein kennen gelernt, diverse Wildsalate wie die wilde Rauke, aber auch Topinambur und Pastinaken, auf die ich von alleine niemals gekommen wäre. Immer sind frische Salate dabei. Und – zusätzlich bestellt – zweieinhalb Kilo Kartoffeln (Lindas in der Regel, vom Hof Dannwisch bei Elmshorn) und ein Sixpack Eier vom Hof Andresen (Bioland). Von diesem Hof weiß ich, dass sie ihre Tiere gut behandeln. Die Hühner laufen draußen herum, können picken und scharren. Sie haben viel Platz zur Verfügung und erhalten gesundes Futter. Das mindert mein schlechtes Gewissen, weil ich mit dem Sprung zum Vollzeit-Veganer derzeit noch zögere.

 

 

Einige Abo-Kisten, von links nach rechts: Regionalkiste Mittel, Mixkiste Mittel, Rohkostkiste Mittel

Sannmanns Salate und Gemüse habe ich auch schon an einigen Plätzen in Hamburg entdeckt, auf Bio-Wochenmarktständen zum Beispiel.Der Tjadens Biomarkt kriegt Lieferungen davon, und Alnatura am Altonaer Bahnhof führt sie ebenfalls. Mein Vorteil, so komme ich mehrmals in der Woche an meinen Salat. Seitdem ich letztes Jahr den Sannmannschen Hof besucht und die Mitarbeiter dort persönlich in Augenschein genommen habe, fühle ich mich doppelt wohl mit meiner Entscheidung für das Gemüse-Abo. Es macht für mich einen deutlichen Unterschied, wenn ich weiß, woher mein Gemüse kommt. Ich weiß, wo es wächst, und wer es bewässert. Ich vertraue den Menschen, die es anbauen. Ich hätte vorher nie gedacht, dass das einen so großen Unterschied für mich macht.

 

 

 

 

 

Sonnenblumen vor dem Kräutergewächshaus

Der Hof Sannmann liegt am Ochsenwerder Norderdeich mitten in den Vierlanden und befindet sich seit 1780 im Familienbesitz. 1986 übernahm Gärtnermeister Thomas Sannmann (54) den Betrieb seines Vaters in neunter Generation und stellte konsequent auf Demeter-Landwirtschaft um. Demeter, der älteste Bio-Anbauverband, vertritt den höchsten Biostandard, chemische Pflanzenschutzmittel und synthetische Dünger gibt es nicht! Stattdessen arbeitet der Familienbetrieb mit verschiedenen Fruchtfolgen, verwendet Kräuterextrakte und Kompost-Tees zur Stärkung des Bodens und der Pflanzen und hält eine Mutterkuhherde einzig zur Erzeugung von Qualitätskompost, der vor seiner Verwendung noch mit biologisch-dynamischen Präparaten aus Heilpflanzen angereichert wird.

 

 

 

 

 

Die Düngerproduzenten blieben letztes Jahr lieber unter sich (Bild von 2012)

Diese Kühe, es handelt sich um horntragende Hereford-Rinder, habe ich bereits im letzten Jahr kennen gelernt, allerdings erwiesen sie sich als wenig an neuen sozialen Kontakten interessiert und hielten sich dezent im Hintergrund.

Ja, einmal im Jahr kann man bei Sannmann auch Fleisch bestellen. Und ja, das ist ein Punkt, der mir nicht so gefällt. Aber geschenkt, das Leben der Rindviecher bis dahin ist lila Kuhhimmel. Und mit Jauche oder Gülle wird natürlich auch nicht gedüngt!

 

 

 

 

 

 

 

Die "Vierländer Platte"

Tomaten sind sozusagen eine Kernkompetenz der Sannmanns. Sie kultivieren nicht nur neue, sondern bewahren auch alte regionale Tomatensorten wie die “Vierländer Platte”, eine füllige Fleischtomate, die zum Tomatenfest wieder reißenden Absatz fand. Außer den Tomaten hat der Hof noch über vierzig verschiedene Gemüse im Programm, die zu 80 Prozent in den Großhandel und zu 20 Prozent in die Abokisten fließen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Den "Tomatentraum" gibt es noch den ganzen Sommer lang im Hofladen (immer samstags von 10 -15 Uhr)

Neu in diesem Sommer: Der “Tomatentraum”, eine schmackhafte Tomatensuppe aus eigenem Anbau. Die Idee der Weiterverarbeitung der eigenen Erzeugnisse wird laut Monika Sannmann weitere Blüten treiben – so testet man derzeit die Zusammensetzung für eine kalte Kohlrabisuppe. Im Herbst soll sie auf den Markt kommen.

 

 

 

 

 

 

 

Salatdressings aus kontrolliert biologischem Anbau.

Zum Testen gab es dieses Jahr auch Overmeyers neue Salatdressings in verschiedenen Sorten. Alle Zutaten sind aus kontrolliert biologischem Anbau und wurden von Koch André Van Ravenzwaay in liebevoller Kleinarbeit ausgewählt. “Für Nußsalat” machte sich übrigens auch ganz hervorragend auf meinen Tomaten.

 

Landwirt Uli Overmeyer, Monika Sannmann vom Gemüse-Abo und Koch André Van Ravenzwaay präsentieren die neuen Dressings

 

 

 

 

 

 

 

Testschälchen. - Sie schmeckten alle!

 

 

 

 

 

 

 

 

Thomas Sannmann engagiert sich seit vielen Jahren für die Initiative gentechnikfreie Metropolregion Hamburg. Sein Motto: “Saatgut ist Kulturgut und muss für alle Generationen erhalten werden und frei verfügbar sein”. Mit dem Erhalt des alten Saatguts und mit der Züchtung neuer Demeter-Sorten sollen Alternativen zu den genmanipulierten Saaten der Großkonzerne angeboten werden, die durch ihr gentechnisch verändertes Saatgut die weltweite Kontrolle über den Saatgutmarkt und die Lebensmittelproduktion bekommen – und mit ihren Monopolen die Bauern in die Abhängigkeit treiben.

Weitere Informationen zur Initiative gibt es unter www.hh-genfrei.de

 

 

Basilikum, noch klein....

... schade, dass es noch keine Geruchsfotografie gibt!

 

Olivia Romano - zusammen mit Biomozzarella ein herrliches Mittagessen heute!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Last not least: Auch die Nachbarn des Sannmann-Betriebs wurden “bekehrt”. So ist so gut wie ausgeschlossen, dass Schadstoffe von außerhalb auf das Gelände kommen und die Pflanzen verunreinigen.

 

Weiterführende Links:

Gärtnerei Sannmann: http://www.sannmann.com/

Sannmanns Gemüse-Abo: http://www.abo.sannmann.com/

Overmeyer LandbauKultur: tba

Hof Dannwisch: http://www.dannwisch.de/

Hof Andresen: http://www.biolandeier.de/

Morgens um fünf

Posted by Cora on 18. Juli 2013
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Morgens um fünf ist es im Hamburger Hafen noch ruhig. Der stetige Lärm der 24/7 Schuppen vom Kiez dringt nicht bis in diese Regionen vor. Da der Fischmarkt nur sonntags früh öffnet, sind um diese Zeit keine Touristen unterwegs. Dennoch drängen sich die Menschen dicht an der Haltestelle der Hafenfähre Nr. 62 in Richtung Finkenwerder. Ihr Ziel ist die Lufthansa-Basis, die Flugwerft. Ihre Schicht wird in etwa einer Stunde beginnen.
Ein junger Mann kontrolliert den Inhalt seiner Aktentasche: Die Dokumente des Projektes, an dem er gerade arbeitet (Hydraulikberechnungen für ein Fahrwerk), ein alter Schildpattkamm, an dem bereits einige Zacken fehlen (dafür haben sich ein paar seiner aschblonden Haare darin verfangen), eine Butterbrotdose (leer), eine Ausgabe der Morgenpost (Schub, nicht Andruck) und eine nicht mehr ganz frische Banane (europäisch-klein).
Sein Dienstkollege blättert stehend in der Bildzeitung. Er liest den Kommentar von Franz-Josef Wagner, dabei breitet sich ein heimliches, kleines Grinsen in seinem zerfurchten Gesicht aus. Dies ist sein vorletzter Arbeitstag, in der nächsten Woche hat er Urlaub. Nicht, dass er sich besonders über diesen Umstand freut, denn die Reise, die seine Frau geplant hat (Ungarischer Plattensee) interessiert ihn nicht. Außerdem ist er davon überzeugt, gerade in dieser Phase des Projektes auf der Werft unabkömmlich zu sein. Es ist nicht mehr zu ändern – außerdem hat ihn der Chef bereits mehrfach auf seinen Resturlaub angesprochen. Besser, sich zu fügen. In den Chefetagen macht in letzter Zeit immer häufiger das Gespenst des Stellenabbaus seine Aufwartung. Nicht auf schlechte Ideen bringen.
Die Hafenfähre legt pünktlich an. Noch während der Steg unter heftigem Gefiepe ausgefahren wird, drängen sich die Männer (und ein paar Frauen) an Bord des grasgrünen Gefährts. Heute fährt man auf der „Wolfgang Borchert“, doch dieser Umstand entgeht den meisten unter ihnen. Zu nah ist noch der Gedanke an das heimische Bett, das viele von ihnen erst vor wenigen Minuten verlassen haben. Zu früh am Morgen ist es, um weiter zu denken als bis zum ersten Kaffee in der Werkskantine. Wenn die Fähre rechtzeitig anlegt, schaffen sie das vielleicht sogar noch vor ihrem Schichtbeginn.
Um fünf Uhr sechzehn hat der Schiffsführer bereits das Signal zur Abfahrt gegeben und will gerade den Steg einziehen, da springt in letzter Sekunde ein junges Paar die Eisengitter hinauf. Jedem, der dies mitbekommt, ist klar, dass diese beiden ihr heimisches Bett schon lange nicht mehr gesehen haben, denn ihre Kleidung lässt darauf schließen, bereits irgendwann gestern angelegt worden zu sein, ihre Haare sind von der langen Nacht zerwühlt, und ihre Augen haben den gewissen Glanz, der nur durch die Nähe einer gemeinsam verbrachten, innigen Zeit entsteht. Er greift ihre Hand, zerrt sie ins Schiff. Sie lässt sich zerren, strahlt ihn dabei an, als sei er eine Erscheinung, allein zu ihrer Rettung an diesem trübgrauen Julimorgen der Elbe entstiegen.
Die Werftarbeiter würdigen die Neuankömmlinge keines zweiten Blickes. Paradiesvögel – und dies um diese Uhrzeit. Der Kollege mit dem Balaton vor Augen setzt sich neben den Aktentaschenträger und schlägt wieder die Bildzeitung auf. Er hat nie studiert, und Ausschweifungen aller Art sind ihm ein Gräuel. Nicht, dass er nicht auch gern mal einen hebt, wenn er mit den Kumpels unterwegs ist, aber das kommt in letzter Zeit ja auch immer seltener vor. St. Pauli spielt nicht mehr in der ersten Liga, und überhaupt hat sich die Stimmung verschlechtert. Die Sorge um den Arbeitsplatz beschäftigt sie alle. Der Konkurrenzkampf ist spürbar geworden. Von der alten Kameradschaft ist nicht mehr viel übrig geblieben.
Die Aktentasche wird erneut von ihrem Träger geöffnet. Er entnimmt die bräunliche Banane und ein Papiertaschentuch. Ein kärgliches Frühstück, und er versucht sich zu erinnern, wann ihm seine Frau zum letzten Mal eine richtige Schinkenstulle mit auf den Arbeitsweg gegeben hat. Einige Zeit ist das jetzt her, lange vor der Geburt des dritten Sohnes. Drei flachsblonde Gesichter, in die er blickt, wenn er sich nach der Schicht zuhause kurz ins Kinderzimmer schleicht um zu überprüfen, dass seine Sprösslinge alle noch munter und unter den Lebenden sind.
Flachsblond war auch seine Frau einmal gewesen. Und stolz darauf, sich die Haare nicht färben zu müssen. Heute trägt sie eine Farbe, die sie stolz mit „Mahagoni“ umschreibt. Ihm gefällt das nicht unbedingt, aber ihm ist gleich klar gewesen, dass seine Meinung hier besser nicht hörbar artikuliert werden sollte. Schließlich ist sie in letzter Zeit immer häufiger so gereizt gewesen, unausgeglichen. Eine zusätzliche Provokation würde da schnell zu einem unkontrollierten Gefühlsausbruch führen, und damit konnte er noch nie gut umgehen.
Das junge Paar hat sich auf eine Bank im hinteren Teil des Schiffes zurückgezogen, an der frischen Luft. Er bittet sie, einen Aschenbecher zu besorgen und holt ein Päckchen Drum-Tabak aus der Brusttasche seiner zerschlissenen Jeansjacke.
Das Mädchen steht auf und läuft zum Nebentisch. Sie lächelt entschuldigend, und greift dann nach dem Aschenbecher vor der aufgeschlagenen Bildzeitung. Der Wagner-Fan hat das Lächeln nicht gesehen und blickt nur einmal kurz missmutig auf. Er selbst hat sich vor 15 Jahren das Rauchen abgewöhnt, nachdem ihn der Arzt eindringlich ermahnt hat. Mit seinen Magengeschwüren ist nicht zu spaßen – und auch die Kapazität seiner Lungen hat extrem nachgelassen. Seitdem er mit dem Rauchen aufgehört hat, hat sich seine Kondition spürbar verbessert. Ausgeglichener ist er dadurch nicht geworden.

Mit dem Beutegut in der Hand kehrt das Mädchen zurück zur Bank und lässt sich neben ihrem Liebsten nieder, der mittlerweile zwei ebenmäßig gerollte Zigaretten produziert hat und ihr eine davon in den Mund steckt. Sie greift nun ihrerseits in ihre Jackentasche und holt ein Feuerzeug heraus. Gemeinsam zelebrieren sie ein neu entdecktes Ritual, indem zunächst er ihr, dann sie ihm Feuer gibt. Dann rauchen sie genüsslich, ohne ihren Nachbarn weiter Beachtung zu schenken.
Der Aschblonde blickt derweil nach draußen. Die Fähre hat die Landungsbrücken hinter sich gelassen und fährt am ehrfürchtigen roten Backsteingebäude, an der Fischauktionshalle vorbei. Die Luft ist immer noch diesig, und hin und wieder erreicht die Gischt auch die Passagiere, die sich getraut haben, im Außenteil des Schiffes Platz zu nehmen. Außer unserem Pärchen ist das nur noch eine ältere Frau in einem modisch-kecken Hosenanzug mit auffallender Vogelbrosche am Revers. Der Aschblonde kennt sie flüchtig vom Sehen, sie arbeitet in der Telefonzentrale, seit er denken kann. Dass sie heute die Fähre benutzt, wundert ihn. In der Regel fährt sie mit einem kleinen Renault zur Arbeit. Ein eigenes Auto stand auch lange Zeit auf seiner persönlichen Wunschliste. Ein Auto haben sie auch gekauft, aber das fährt seine Frau. Sie hat die längeren Wege, und bei drei Kindern und mit all den zu erledigenden Einkäufen war die Entscheidung schnell getroffen.

Um nicht wieder in Trübsal zu versinken ob des Wagens, den er selbst gern fahren würde (und von dem er ziemlich konkrete Vorstellungen hat, die er aber selten artikuliert) lenkt sich der Aschblonde wieder mit der Betrachtung des Pärchens ab. Die beiden haben inzwischen aufgeraucht, und der junge Mann ist auf die Bank gesunken. Sein Kopf ruht jetzt im Schoß des Mädchens, das ihm immer wieder gedankenverloren durch die braunen Wuschelhaare streicht. Ein Bild der Innigkeit und des Friedens, das den Aschblonden ein wenig verstört. Die beiden dort hinten scheinen nicht viele Worte zu brauchen, um sich zu verstehen, und bei ihm zuhause ist es genau umgekehrt: Seine Frau und er gebrauchen viel zu viele Worte, um sich nichts mehr zu sagen zu haben.
Sein Kollege steht plötzlich vom Tisch auf. Sein Gesicht hat sich zu einer schmerzhaften Maske verzogen, und er reibt sich mit beiden Händen die Gegend um seine Gürtelschnalle herum. „Magenschmerzen“, presst er zwischen den Zähnen heraus und eilt mit schnellen Schritten in Richtung Bordtoilette. Der Aschblonde nickt mitleidig, aber nicht überrascht. Er wurde schon häufiger Zeuge ähnlicher Szenarien auf dem Weg zur Arbeit, aber nachgefragt hat er nie. Hat der dicke Kollege ein Geschwür? Sind die  Sorgen daheim und am Arbeitsplatz in die Bauchgegend gewandert? Die Lösung, die der Aschblonde nie vermutet hätte, und die der dicke Kollege auch niemals preisgibt, ist viel einfacher: Der rundliche Mann verträgt das Boot fahren nicht. Er leidet unter einer fiesen Art der Seekrankheit. Eigentlich wird ihm schon schlecht, wenn er das Wasser nur von weitem sieht, aber das würde er niemals zugeben. Angesichts dieser peinlichen Tatsache erhält seine Abscheu vor dem Plattensee eine völlig neue Qualität.
Die „Wolfgang Borchert“ hat mittlerweile die Haltestelle „Fischmarkt“ angefahren und wieder verlassen. Hinzu gestiegen ist niemand, und niemand hat das Schiff verlassen. Zügig nimmt die Fähre wieder Fahrt auf, gleitet an den unzähligen Containerschiffen entlang, in denen die Asylsuchenden untergebracht sind und ähnliches undurchsichtiges Gesindel. Der Englandkai wird passiert, und dann der Skandinavienkai. Autos werden gerade auf eine der großen Kanalfähren verladen, und der Aschblonde gibt sich kurz der Träumerei eines gemeinsamen Familienurlaubs an Dänemarks Küsten hin, natürlich in einem großen Wagen, nicht in dem kleinen, popeligen Fiat, den seine Frau täglich bewegen darf, während er hier eingekeilt zwischen Kolleginnen und Kollegen auf diesem stickigen Kahn tagtäglich auf die Werft gekarrt, pardon, geschifft wird. Missmutig blickt er wieder nach draußen, wo der Blick auf die Elbstraße jetzt versperrt wird von Baustellen und bereits fertig gestellten, aber leer stehenden Bürogebäuden. Die Hafennähe soll neue Investoren anlocken. Passiert ist aber noch nicht viel. Einige Baustellen sehen so aus, als ob seit Monaten kein neuer Stein verbaut worden ist. Fehlinvestitionen, die das ohnehin schon magere Stadtsäckel jetzt ausbaden muss. Die Zeitungen verkünden keine Wunder in diesem Sommer. Stattdessen ist die Rede immer wieder von fehlendem Optimismus, von mangelnder Kaufkraft und von lethargischen Investoren, die ihr Geld zurückhalten, bis eine Wende in der Politik erfolgt. Das kann noch dauern, weiß der Aschblonde. Die Zeiten sind eben betrüblich.
Das Paar scheint von solch herunterziehenden Gedanken völlig frei zu sein. Das junge Mädchen hat sich jetzt seiner Jacke entledigt und hält ihr Gesicht dem Fahrtwind entgegen. Sie scheint das trübe Wetter zu genießen. Vermisst denn niemand in diesem grauen Moloch von einer Stadt die Sonne? Wie bei einem unanständigen Gedanken ertappt lässt der Aschblonde den Blick wieder sinken, und greift sich die BILD-Zeitung seines Kollegen, dessen Magenprobleme heute schlimmer zu sein scheinen als gewöhnlich. Immer noch ist er nicht wieder aufgetaucht. Der Aschblonde vertieft sich in das Bild des Mädchens von Seite 1, und stellt eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Mädchen vorn auf dem Schiff fest, was ihn schmunzeln lässt. Ihm entgeht, dass sich der junge Mann gerade erhoben hat und nun seinerseits Richtung Toiletten wandert, ruhigen, festen Schrittes, so als sei er gerade erst nach einer langen, geruhsamen Nacht aufgestanden. Auch das Mädchen sitzt nicht mehr auf der Bank.
„Verzeihung!“
Die helle Stimme schreckt den Aschblonden von seinen warmen Gedanken wieder zurück in die harte Realität.
„Sorry für die Störung, aber brauchen Sie die noch?“ Die tiefgrünen Augen des jungen Mädchens deuten höflich auf die Morgenpost, die der Aschblonde achtlos zur Seite gelegt hat. „Ich würde so gern mein Horoskop lesen.“
„Bitte sehr“. Er nickt gnädig, innerlich jedoch hoch erfreut ob des plötzlichen Kontaktes zu einem anderen lebenden Wesens. Und wirklich, niemand ist ihm auf diesem Schiff jemals so lebendig vorgekommen wie dieses junge Ding da, die kaum Mitte zwanzig sein mag, in ihrem pastellfarbenen, bunt gemusterten T-Shirt und der leichten Gänsehaut auf den Unterarmen, die ihm wohl der Fahrtwind dorthin gezaubert hat.
Das Mädchen lächelt erfreut, nimmt sich die kleine Zeitung und macht ansonsten keinerlei Anstalten, sich wieder zu entfernen. Stattdessen nimmt sie ihm gegenüber Platz und schlägt das Blatt geübt genau in der Mitte auf, dort, wo das Horoskop steht.
„Löwe“, liest sie ihm ungefragt vor. „Sie stehen heute vor einer Herausforderung. Verlassen Sie sich nicht auf Vertrautes. Weiter bringt sie nur ein Sprung ins kalte Wasser.“
Sie lacht. „Wie passend, wenn man sich gerade auf einer Fähre befindet, meinen Sie nicht auch?“
Damit hat der Aschblonde jetzt nicht gerechnet. Er ist verdutzt, und will gerade unwillig abwinken und zu verstehen geben, dass ihm diese Information jetzt gerade sehr unpassend erscheint. Er öffnet den Mund und hört sich sagen: „Und was steht bei den Widdern?“
Sie schaut nach. „Widder. Heute lacht Ihnen die Sonne ins Gesicht. Ergreifen Sie die Gelegenheit, die das Leben für Sie bereithält.“
Grinsend schlägt sie die Zeitung wieder zu. „Der Tag könnte schlimmer beginnen!“
„Da könnten Sie recht haben“, jetzt schmunzelt auch er. Da ist nichts mehr, was er diesem frischen, strahlenden Gesicht entgegen halten kann. So einnehmend erscheint es ihm, dass er kaum registriert, wie die „Wolfgang Borchert“ jetzt mit großem Getute in Övelgönne am Museumshafen anlegt.
Und ehe er sich versieht, ergreift er die Gelegenheit und hält dem faszinierenden Gesicht mit den tiefgrünen Augen seine Hand hin.
„Marten. Christian Marten.“
„Angenehm. Elisabeth.“
Sie schütteln sich die Hände, und er fragt sich beklommen, was ihr Begleiter wohl zu ihrer neuen Bekanntschaft sagen mag, wenn er von der Toilette zurückkehrt. Von seinem dicken Kollegen einmal ganz zu schweigen.

Elisabeth lächelt ihm zu, aber dann schweift ihr Blick bereits wieder von ihm ab und richtet sich auf einen Punkt hinter seinem Rücken.
„Ihr Kollege scheint in Schwierigkeiten zu sein, kommen Sie besser mit.“ Sie zerrt ihn am Ärmel und zwingt ihn so, sich zum hinteren Teil der Fähre umzuschauen, dorthin, wo sich die Toilettentüren ­befinden. Aus der rechten Türe taumelt gerade sein dicker Kollege, schwer gestützt auf den dunkelhaarigen Begleiter von Elizabeth, die dem ungleichen Paar bereits entgegen eilt.
Der Aschblonde stürzt hinter ihr her und erreicht die beiden im gleichen Moment wie sie. „Mensch Gustav, was ist denn los mit dir?“
Der Dicke japst nach Luft und ist unfähig, auch nur einen Laut von sich zu geben.
„Ihr Kollege leidet unter heftigen Magenproblemen. Es ist ein Wunder, dass er sich überhaupt noch auf den Beinen hält“, klärt ihn der Dunkelhaarige auf und greift gleichzeitig nach Elisabeths Hand, was dem Aschblonden natürlich nicht entgeht.
„Kümmern Sie sich um ihn – ich sage noch schnell dem Kapitän Bescheid, damit er einen Krankenwagen ruft. Ihr Freund muss dringend sofort in Behandlung.“
Der Aschblonde geleitet seinen Kollegen zurück zum Tisch, und Gustav lässt sich schnaufend auf der Sitzbank nieder. Plötzlich findet er zurück zu seiner Sprache, und er fängt an, dem Aschblonden alles zu erzählen. Die Magenprobleme, die Seekrankheit, die Angst vor dem Urlaub… wie eine Fontaine sprudelt aus ihm heraus, was ihm schon so lange zu schaffen machte.
Der Aschblonde ist überwältigt und fühlt sich hoffnungslos überfordert. Unbeholfen tätschelt er immer wieder Gustavs Schultern. Dann kommt ihm eine Idee, und er greift sich aus Gustavs Manteltaschen dessen Handy, um im Werk anzurufen und sie beide zu entschuldigen, denn allein will er Gustav auf gar keinen Fall ins Krankenhaus fahren lassen. Es muss sich doch jemand um ihn kümmern, und Sachen braucht er sicherlich auch…

Die Fähre hält außerfahrplanmäßig immer noch am Museumshafen Övelgönne. Sie wartet, bis ein Ambulanzfahrzeug eintrifft und den dicken Gustav sicher vom Schiff in den Wagen geleitet, während der Aschblonde nicht von seiner Seite weicht. So übersieht er völlig, dass sich Elisabeth, nun wieder eng an ihren Begleiter geschmiegt, ebenfalls von Bord begeben hat und nun im Wartehäuschen gegenüber auf den Bus Nr. 112 wartet, der die beiden in wenigen Minuten zum Bahnhof Altona bringen wird.

 

 

 

 

 

 

 

"Twardowskis Felsen" in Krakaus unmittelbarer Nähe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jede Stadt hat ihren Hexenmeister.

Krakau hat Pan Twardowski. Der Herr Twardowski verkaufte seine Seele dem Teufel, beschwor die Bildnisse von Verstorbenen und jagte bei seinen zahllosen Experimenten ganze Gebirgsketten in die Luft. Pan Twardowski war ein vielbeschäftigter Magier – und vielleicht sogar ein Deutscher.

In Nürnberg geboren wurde nämlich ein deutscher Adeliger namens Laurentius Dhur oder lateinisch Durus, der in Wittenberg Magie studiert hatte und von 1565 bis 1573 in Krakau lebte, am Hofe des Königs Sigismund II. Das Lateinische “durus” entspricht dem polnischen “twardy” (beides bedeutet “hart”). Auch sind Ähnlichkeiten im Lebenslauf mit dem eines gewissen Herrn Doktor Johann Faust sicherlich nicht ganz zufällig, wird doch auch Pan Twardowski hin und wieder mit dem Vornamen “Jan” angesprochen.

 

Als Pan Twardowski in Krakau lehrte, war die Barbakane (ein Festungstor gebaut etwa 1498) mit damals gerade einmal 65 Lenzen auf dem Buckel noch relativ jung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pan Twardowski studierte am Collegium Maius, einer der ersten Universitäten Europas – nur wenige Jahre nach Nikolaus Kopernikus (dessen Hinterlassenschaften noch heute dort bewundert werden können). Er soll ein fleissiger Student gewesen sein, dem aber irgendwann der an der Uni vermittelte Lehrstoff einfach nicht mehr genügte. Ihm dürstete es nach den wahren Mysterien des Lebens: Dem Stein der Weisen und dem Geheimnis ewiger Jugend. Und so richtete er sich nicht weit vom Stadtzentrum in der Nähe des Dorfes Zakrzówek ein geheimes Alchimistenlabor ein, in welchem er damit begann, schwarze Magie zu betreiben. Bis – nun ja, bis eines der Experimente gewaltig in die Hose ging.

 

Irgendwann hat es gekracht. Der Felsen brach auf, und seit etwa 1990 entstand um den Krater herum ein flaschengrüner See

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

“Twardowskis Felsen” ist heute ein beliebtes Ausflugsziel. Hier lässt es sich wunderbar wandern, grillen oder tauchen. Inmitten des Sees liegt ein havariertes Boot, an den Seiten sollen sich bis heute geheimnisvolle Höhlen befinden. Der See ist rundherum abgesperrt, und zahlreiche Verbotsschilder warnen vor den Gefahren des Steinschlags oder des Ertrinkens.
Zurück zum Thema.

Kurz, es lief nicht rund für Herrn Twardowski. Und so entschloss er sich dazu, seine Seele dem Teufel zu verkaufen – natürlich unter der Voraussetzung, dass ihm dieser Deal große Achtung und vor allem Erfolg in seinem Metier einbringen sollte. Der Teufel, so sagen es die Legenden, war begeistert und willigte ein. Als Eckdaten wurden vereinbart, dass der Teufel Herrn Twardowski zu Willen zu sein hatte. Twardowskis Seele hingegen sollte des Teufels sein, sobald es diesem gelänge, drei besonders schwierige Aufgaben zu erfüllen. Adam Mickiewicz (welcher wohl für einen weiteren “Pan” keine Verwendung fand) berichtet in seiner Ballade “Pani Twardowska” (“Frau Twardowski”) vom erfolgreichen Teufel, dem die ersten beiden Prüfungen nicht die geringsten Schwierigkeiten bereiteten.

 

 

Polens großer Nationaldichter Adam Mickiewicz steht heute vor den Tuchhallen auf dem Rynek und dient Schulklassen als geschichtsträchtiger Hintergrund.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die dritte Prüfung brach dem Teufel das Genick. Lautete die Aufgabe doch, ein Jahr in “Treu und Glauben” zusammen mit Frau Twardowski zu verbringen. Der Teufel versuchte es gar nicht erst. Sondern verschwand pfeifend durch ein Schlüsselloch. Pan Twardowski war zunächst gerettet, und konnte die Vorzüge des Teufelswerks in aller Seelenruhe auskosten.

In Podgorze gründete er ganz in der Nähe der Kirche des heiligen Josef eine Zauberschule.

 

Die Kirche des Heiligen Josef in Podgorze vor den Stadttoren Krakaus, der Platz war auch Teil des jüdischen Ghettos

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Nähe des Dörfchens Ojcow (heute der kleinste Nationalpark Polens) ließ er den Teufel Felsenformationen ganz nach seinem Willen formen – das bekannteste Beispiel ist die “Nadel des Herkules”. (Anmerkung: Leider war dieser Felsen viel zu weit von meiner Wanderroute entfernt, und so muss ich den Fotobeweis hier schuldig bleiben – ich hoffe jedoch, mit dem “Krakauer Tor” das Auge des geneigten Lesers ansatzweise entschädigen zu können).

 

Die Felsen "Krakauer Tor" - wenn da nicht gleichfalls der Teufel seine Hände im Spiel hatte!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es stieg mit wachsendem Erfolg die Beliebtheit des Pan Twardowski, und schließlich holte ihn König Sigismund an seinen Hof. Dessen geliebte Frau Barbara Radziwill war soeben verstorben, und mithilfe eines Zauberspiegels sowie unter großer Anstrengung gelang es Twardowski, ihren Geist zu beschwören und mit dem des trauernden Königs zu vereinen. Dieser Zauberspiegel soll dann noch bis ins späte 19. Jahrhundert hinein zukünftige Ereignisse vorausgezeigt haben.

 

Wawel. Königssitz. Sigismund blieb nach Barbaras Tod zwar nicht unverheiratet, aber kinderlos - mit ihm erlosch das Geschlecht der Jagiellonen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Den Spiegel hat sich später übrigens Napoleon unter den Nagel gerissen.

Angeblich hat Bonaparte ihn 1812 beschädigt, als ihm der Spiegel seine Niederlage in Russland offenbarte. Wer’s glaubt! Ich gehe die Tage noch mal meine Fotos von Schloss Mailmaison durch, ich bin mir sicher, da hing so etwas in der Art im Billardzimmer.)

 

Krak-Hügel. Von starken magischen Strömungen umgeben. Kein Wunder, dass Pan Twardowski hier ebenfalls gezaubert haben soll

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Derweil Pan Twardowski eine Enzyklopädie und ein weiteres Werk über Magie verfasste (Die Jagiellonski-Universität rühmt sich eines Exemplars in ihren Hallen, welches gar durch die Hand des Teufels gegangen sein soll), arbeitete der Teufel fieberhaft an einem Plan, um der Seele des Zauberers doch noch habhaft werden zu können.

Es wurde vereinbart, dass der Teufel Twardowskis Seele in Beschlag nehmen sollte, sobald dieser sich in Rom aufhielt. Natürlich hatte der Hexenmeister nicht vor, jemals nach Italien zu reisen – und so war es vorerst weiterhin Beelzebub, der Fron- und Sklavendienste zu leisten hatte. Twardowski befahl ihm, sämtliche Silbervorkommen in polnischem Boden der Einfachheit halber alle an eine Stelle zu tragen. Nach Olkusz. Dort befindet sich bis heute eine der ältesten Silberminen Polens.

 

Keine Silbermine - sondern die Drachenhöhle unterhalb der Wawelburg. Auch zauberhaft, nicht wahr?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf Dauer für dumm verkaufen ließ sich der Gehörnte mit dem Pferdefuß jedoch nicht. Er überraschte Twardowski in einer Kneipe namens “Rzym” (“Rom” auf Polnisch, mehrere Kneipen in diversen kleinpolnischen Orten rühmen sich heute dieser Bezeichnung), und damit war Schluss mit lustig. Endlich konnte der Teufel zuschlagen.

 

Die Pijarska in der Nähe des Floriantors - Krakau, altstädtisch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gelang dem übertölpelten Hexenmeister noch, die Jungfrau Maria um Hilfe anzurufen, und diese zeigte Erbarmen: Der Teufel musste Twardowski loslassen – und dieser fiel statt in die Hölle auf den Mond.

Auf dem Mond sitzt Pan Twardowski bis heute. Jeden Tag schickt er eine Spinne auf eine Ecke des Rynek Glowny herab, auf dass sie ihm das Neueste aus der Stadt berichte.

Der Teufel jedenfalls hat sich seitdem in Krakau nicht mehr blicken lassen.

 

Wer hier ganz in der Nähe eine Spinne trifft, der grüße besser freundlich und halte seine Schuhsohen im Zaum

 

 

 

Dies ist ein Obwarzanek. Ich nenne die Obwarzanki "Kringel" und vermisse sie innig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich höre stundelang meine polnischen CDs. Ich backe Obwarzanki. Ich schreibe seitenlange Reiseberichte für meine Website. Ich sitze in meiner Freizeit am PC und schaue – natürlich völlig unverbindlich! – nach günstigen Flügen. Wizzair bietet da etwas an, von Dortmund nach Kattowitz. Und von Kattowitz aus sind es nur noch knapp 70 km bis nach Krakau.
Ich fürchte, ich habe Heimweh.

Ein zweiwöchiger Sprachkurs in Krakau sollte meine bis dahin eher rudimentären polnischen Sprachkenntnisse beleben. Meine Firma war begeistert und erteilte den diesbezüglich benötigten Bildungsurlaub ohne weitere Komplikationen. Die Reisekosten (hin mit dem Zug, zurück wollte ich den IC-Bus der Deutschen Bahn ausprobieren) beliefen sich auf weit weniger, als ich vermutet hatte. Ich kaufte einen großen, blauen Schalenkoffer, bepackte ihn ihn – und fuhr dann tatsächlich los in Polens heimliche Hauptstadt.

 

Marienkirche, Pferdekutsche und Rynek - das Herz der Stadt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach welchen Kriterien wählt man einen guten Sprachkurs? Krakau wimmelt nur so von Kursanbietern aller Art. Man kann als Ausländer Polnisch sogar an der Universität studieren, die im Sommer spezielle Sprachkurse anbietet. Einige Anbieter haben sich auf Amerikaner spezialisiert, andere auf weitere Nationen as aller Welt. Die Unterrichtssprache ist in der Regel Englisch oder Polnisch.
Als ich vor ein paar Monaten recht wagemutig die Begriffe “Krakau Bildungsurlaub” googelte, erschienen die Seiten der PNTA in der Auswahlliste ganz vorn. Interessiert blätterte ich durch das Online-Angebot. Die Homepage gefiel mir – kein überflüssiger Schnickschnack, alle Infos kompakt dargestellt, und noch dazu ergänzt durch viele Testimonials von zufriedenen Schülerinnen und Schülern, die insbesondere die kompetente und herzliche Art der polnischen Mitarbeiter hervorheben. Wenig später konnte ich dies nur bestätigen: Auf meine mit tausend detaillierten Fragen gespickte Mailanfrage erreichte mich ein freundlich-ausführliches und geduldiges Rückschreiben, welches keine Fragen offen ließ: Zu Beginn des Sprachkurses würde ein Spracheinstufungstest stattfinden, nach dessen Ergebnis dann die Einteilung in Gruppen erfolge. Die Unterkunft im Doppelzimmer sei im Preis inbegriffen, gegen einen Zuschlag von 50 Euro sei auch ein Einzelzimmer möglich. Die Unterbringung erfolge in polnischen Familien. Selbstverständlich würde nach Anmeldung die erforderliche Bestätigung für den Bildungsurlaub umgehend zugeschickt. Ich könne in Zloty, aber natürlich auch in Euro bezahlen. Das Lehrwerk könne ich vor Ort kaufen, genauso wie eine Wochenfahrkarte für den Krakauer Nahverkehr.
Ich war überredet.

 

Kindheitserinnerungen werden wahr: Straßenbahn fahren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Krakau: Meine Gastfamilie besteht aus Maria, 67 (Alter unter Vorbehalt, als sie mir ihr Alter mitteilte, waren meine polnischen Zahlen noch nicht ganz sattelfest) und ihrem Hündchen Kora. Kora erhält zweimal am Tag Ausgang und liebt es, zusammen mit den beiden Nachbarskatern über den Hof zu tollen. Bei mir macht Maria keine Vorgaben, ich kann kommen und gehen, wie ich will. Nur wenn ich komme, besteht Maria darauf, dass ich ihr kurz auf polnisch berichte, wo ich war und was ich gemacht habe. Das funktioniert zu meinem großen Erstaunen bereits nach wenigen Tagen – denn mein Sprachkurs ist nichts für Warmduscher. Dazu muss ich sagen, dass ich zu den Menschen mit “komischen Vorkenntnissen” gehöre: Ich spreche recht passabel Russisch, und ich habe in meiner Firma bereits ein paar Brocken Polnisch lernen können, diese Brocken natürlich sehr fachspezifisch. So kann ich zwar einen kompletten Autounfall auf Polnisch abwickeln, aber weder sagen, wie alt ich bin, noch erzählen, woher ich komme. Und wenn ich frei sprechen möchte, verfalle ich nach wenigen Worten unweigerlich ins Russische.
Ich bin sehr froh, dass dieses Problem meinen Lehrerinnen anscheinend nicht unbekannt ist! Nach dem Einstufungstest lande ich in einer sehr angenehmen Dreiergruppe. Unsere Sprachniveaus differieren leicht, aber unsere freundlich-resolute Sprachlehrerin hat das jederzeit im Griff. Von Anfang an stellt sie sich geschickt auf das jeweilige Niveau jedes Schülers ein, sodass die kleinen Unterschiede im Unterricht nicht hervortreten. Insgesamt gibt es während der zwei Wochen meines Aufenthalts vier Gruppen, eine größere Anfängergruppe und drei Gruppen mit unterschiedlichen Sprachniveaus. Alle vier Gruppen werden individuell unterrichtet, zusätzlich gibt es täglich um 11 Uhr eine Sprechstunde, die allen Schülern für ihre Fragen offen steht. Hier treffe ich auf die Schüler aus den anderen Gruppen und ziehe auch aus deren Fragen großen Nutzen.

 

In angenehmer Atmosphäre und in kleinen Gruppen lernen - beste Voraussetzungen für ein erfolgreiches Sprachstudium!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unser Unterricht gestaltet sich abwechslungsreich und von Anfang an recht arbeitsintensiv. Von nix kommt nix! Unsere Lehrerin gibt sich nicht damit zufrieden, uns die Grammatik der jeweiligen Lektionen einzutrichtern, sondern sie festigt diese auch gleich durch variantenreiche Übungen. Im Anschluss üben wir in Dialogen untereinander und trainieren mit Hilfe von Sprachaufnahmen unser Hörverständnis. Wir werden regelmässig dazu ermuntert, unbekannte Wörter mitzubringen, die wir zum Beispiel auf unserem Schul- oder Heimweg aufgeschnappt haben. So lerne gleich am Anfang ich die polnische Version der Media-Markt-Werbung: “Nie dla idiotów – nicht für Idioten” und erfahre, dass mit “Witam, Paul!” der äußerst beliebte Paul McCartney mit einem herzlichen “Willkommen” zu seinem Konzert in Warschau nächsten Monat begrüßt wird. “Dla psów i kotów” bringt dann den gefürchteten polnischen Genitiv Plural ins Spiel: Für Hunde und Katzen. Steht an einem Tierfuttergeschäft – und macht dort auch richtig Sinn.

 

Futter für Vögel, Hunde, Katzen und Fische - alle im Genitiv Plural!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch bei meiner Freizeitgestaltung leisten mir die Damen von der PNTA tatkräftige Unterstützung: Man telefoniert mit einem örtlichen Busunternehmen, um sich zu vergewissern, dass der Bus, den ich mir ausgesucht habe, mich auch tatsächlich in den kleinen nahe Krakau gelegenen Naturschutzpark Ojcow bringt – und vor allem: am Abend bitte auch wieder zurück! Wir diskutieren in der Sprechstunde DVD- und Musiktipps frei nach dem Motto, dass sich über Geschmack eben doch nicht streiten lässt. Meine Lehrerin sucht für mich einen kostenfreien Link zu Andrzej Waidas “Pan Tadeusz” im Netz heraus – und erteilt mir gleichzeitig Absolution, falls ich mich außerstande sehe, der Handlung zu folgen.
Viele der Empfehlungen habe ich mittlerweile umgesetzt, und damit mein schlimmstes Krakau-Heimweh im Schach halten können: Spielfilme auf DVD, das Sachbuch “Viva Polonia” von Steffen Möller, dem nach dem ehemaligen Papst bekanntesten Deutschen in Polen, und eine wundervolle CD mit Klezmer-Musik des Stargeigers Nigel Kennedy, die er zusammen mit der Krakauer Klezmer-Band Kroke eingespielt hat.
Kennezy! Klezmer! Kazimierz! Krakaus jüdisches Viertel kostete mich übrigens gleich mehrere Nachmittage.
Und einen Samstag.

 

Kazimierz übt eine magnetische Anziehungskraft aus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Meine Hausaufgaben habe ich in Krakau stets mit großer Sorgfalt erledigt. Und so konnte ich meinen Sprachkurs mit einem “bardzo dobrze” abschließen. Was kein Wunder war in einer so angenehmen und motivierenden Umgebung! Meine Zeit in Krakau hat mir nicht nur in punkto polnische Sprache zu völlig neuen Erkenntnissen verholfen – seitdem sehe ich auch unsere polnischen Nachbarn in einem völlig neuen Licht. Mir war vorher nicht klar gewesen, wieviel wir eigentlich gemeinsam haben – und wieviel Spaß man in polnischer Gesellschaft hat. Und in der zweitschönsten Stadt Europas.
Gleich nach Hamburg natürlich.

Knapp dreißíg Euro kostet der Flug. Im Oktober könnte ich wieder hin.

 

       Hier geht’s zur PNTA

                         

 

 

 

 

 

 

 

Weitere Artikel zu Krakau finden sich rechts in der Kategorie “Schreibtisch auf Reisen”.

 

 

 

 

 

 

 


Erdbeer-Vanille und Aprikose-Zitronenmelisse

 

Frische Erdbeeren und Aprikosen sollen zu Marmelade werden (pardon: zu Konfitüre. Marmelade gilt ja nur noch für Zitrusfrüchte, wie ich lerne).

 

 

 

 

 

 

 

 

Großeinkauf: Eine unbehandelte Zitrone, jede Menge Gelierzucker, eine Vanilleschote und natürlich Einweckgläser (da ich meine Gläsersammlung letzten Monat beim großen Wohnungs-Feng-Shui entsorgte, weil ich davon ausging, sie eh’ nie wieder zu brauche, ich Depp!!!). Zitronenmelisse hatte ich ja, die stand noch auf meiner Fensterbank.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Aprikosen werden gereinigt, entkernt und in kleine Scheibchen geschnipselt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Erdbeeren werden ebenfalls gereinigt und ihres Stiels beraubt, und dann geviertelt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Kilo Aprikosen verträgt tatsächlich ein ganzes Kilo Gelierzucker! *staun* Das Ganze muss dann noch zwei Stunden ziehen, damit die Aprikosen “Saft lassen”.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Zutaten: Die Vanilleschote wird in zwei Hälften zerteilt, und das Mark wird separiert. Die Zitronenmelisse wird gewaschen und kleingehäckselt. Und die unbehandelte Zitrone gerieben, was auch sonst.

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier die Erdbeeren mit dem Vanillemark und dem Gelierzucker. Alles wird gut verrührt und darf dann erstmal etwas ziehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Vanilleschote kommt obendrauf, und dann wird alles zum Kochen gebracht (Vorsicht: heiss!). Nach ca. 4 Minuten Kochen kann das Ergebnis dann in Gläser gefüllt werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Gläser nach Befüllung umdrehen nicht vergessen (danke Daniela für den Tipp!). Die Gläser habe ich vorher in kochendem Wasser sterilisiert. Weil sie noch so warm sind, zieht sich der Inhalt jetzt schön zusammen und verschließt das Glas keimsicher. Im Hintergrund wartet übrigens die Zitronenmelisse auf ihren Einsatz.

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier kommen jetzt die Aprikosen auf’s Feuer, zusammen mit der Zitronenmelisse.

 

 

 

 

 

 

 

 

So sieht es aus, wenn diese Mischung dann kocht. Noch vier Minuten!!

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch die Aprikosengläser werden ordnungsgemäß auf den Kopf gestellt!

 

 

 

 

 

 

 

 

Fertig! Etiketten klebe ich auf, sobald die Gläser nicht mehr warm sind.

 

 

 

Die Villa von Amon Göth

Posted by Cora on 7. Juli 2013
Posted in KrakauSchreibtisch auf Reisen  | Tagged With: , , , , | 6 Comments

 

 

 

 

 

 

 

An meinem letzten Tag in Krakau nutzte ich das schöne Wetter, um noch einmal nach Podgorze hinaus zu laufen. Vom alten Arbeits- und Konzentrationslager Plaszow ist nichts mehr übrig geblieben, nur eine Gedenkstätte erinnert noch an das Grauen während der Nazi-Besetzung.

Wer den Film “Schindlers Liste” gesehen hat, der erinnert sich an den alten Steinbruch, in dem Steven Spielberg das Lager ansiedelte. Tatsächlich aber umfasste das eigentliche Lager eine wesentlich größere Fläche, die heute unter dem Begriff “Naherholungsgebiet” Verwendung findet.

 

 

 

 

 

 

 

Mittlerweile hat sich die Natur ihren Raum zurückerobert.
Spielberg platzierte übrigens die Villa des Lagerkommandanten Amon Göth rechts oben über den Steinbruch. So konnte er die Perversion von Amon Göth, der gern Gefangene überraschend einfach hinterrücks (oder von vorn) niederschoss, perfekt darstellen. In Wirklichkeit stand die Villa dort nicht.

Die Ul. Wiktora Heltmana liegt in einer recht gut betuchten Gegend. Freundliche Anwesen finden sich rechts und links der Straße, die sich vom Friedhof Podgorski Nowy fort nach Süden schlängelt.

 

 

 

 

 

 

 

Die Häuser sind schmuck, teils neu, teils mit viel Aufwand liebevoll renoviert. Mittelklassefahrzeuge aus Europa und Übersee säumen die Bürgersteige. Die Idylle wird urplötzlich unterbrochen durch eine an Häßlichkeit nicht zu überbietende Scheußlichkeit, einer Zahnlücke inmitten eines ansonsten makellos gepflegten Gebissee: Heltmana 22. Die Villa von Amon Göth.

 

 

 

 

 

 

 

“Sprzedam” heißt: Ich verkaufe. Das ist der Traum eines alten Mannes, der vor über zwanzig Jahren meinte, das Schnäppchen seines Lebens zu machen, als er das Haus von der Stadt zu einem Spottpreis übernahm.  Er wusste nicht, was genau er da erworben hatte, und fiel aus allen Wolken, als Spielbergs Film in die Kinos kam.

So geht eine Version der zwei Geschichten, die man sich in Krakau über diesen alten Mann erzählt. Ich hörte sie von Agnieszka Dauksza, einer polnischen Künstlerin, die gerade am Grolsch ArtBoom Festival in Krakau teilnahm. Ihr Beitrag nannte sich “Die Träume von Amon Göth”, und sie hatte eben jenen alten Mann dazu überredet, sein Haus für eine Woche der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

 

 

 

 

 

 

 

Als sie mich neugierig am Straßenrand stehen sah, bat sie mich herein.

 

 

 

 

 

 

 

Erfreut, dass es sich bei Agnieszka nicht um eine Maklerin handelte, die vielleicht versuchen wollte, mir die Scheußlichkeit zu verkaufen, folgte ich der Einladung und fand mich bald in diesem geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmer wieder.

 

 

 

 

 

 

 

Angeblich handelt es sich bei den hier gezeigten Möbeln größtenteils um Einrichtungsgegenstände, die früher Göth gehört haben sollen. Der alte Mann bewohnt selbst nur ein kleines Zimmerchen im vorderen Teil des Hauses. Vom Grad der “Bewohntheit” aus betrachtet, kann das gut hinkommen, denn die Möbel im großen Wohnzimmer wirken wie ausgestellt.

 

 

 

 

 

 

 

Über den Esszimmerbereich gelangt man in den hinteren Teil des Hauses und in den Garten. Und hier erblickte ich auch den berühmten Balkon.

 

 

 

 

 

 

 

 

Es mag zum Teil Einbildung gewesen sein, aber diese Räume jagen einem immer noch Schauer über den Rücken.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Raum, in dem laut “Schindlers Liste” Göths Bett stand, ist heute leer – und komplett baufällig, wie der größte Teil des Hauses. Die Bausubstanz ist verrottet und verkommen. So wird das nie was mit dem Verkauf – es sei denn, die Nazi-Szene rottet sich zusammen und sammelt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich hoffe inständig, dass dem eine Organisation zuvor kommt, die aus diesem Haus etwas formt, was den Menschen heute die Schrecken der Naziherrschaft und ihre perversen Auswüchse nahe bringt. Es kann nicht angehen, dass dieses Haus womöglich in falsche Hände fällt! Das KZ Plaszow ist heute komplett verschwunden. Vielleicht wäre dieses Haus ein prima Platz, um an das Lager, seinen perversen Kommandanten und an eine faschistische Ideologie zu erinnern, die ganz schnell furchtbare Folgen hatte.

Ich finde: Ein einfacher Wasserhahn zeigt den Horror deutlicher, als eine ganze Wand voller interaktiver Schautafeln das vermag.

 

Turbosmoothie: Ananas, Grapefruit und Wilde Rauke

Posted by Cora on 3. Juli 2013
Posted in Coras Küche  | 17 Comments

 

 

 

 

 

 

 

Heute habe ich mich an Wilde Rauke und Kohlrabiblätter gewagt. Die Kohlrabiblätter sollen noch vitaminreicher sein als die Kohlrabiknollen an sich, und noch dazu voll mit Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen, die durch das Mixen viel leichter verdaulich sein sollen denn einfach so gekaut. Wir kauen ja viel zu wenig. Zumindest unser Grünzeug – und wenn ich mir eine Kuh so auf der Weide anschaue, die stundenlang auf ihren Grashalmen herummümmelt, dann muss ich das einsehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Grundlage ist wieder eine Banane (die sollen am besten sein, wenn ihre Schale bereits erste dunkle Flecken aufweist – ich werde das mal recherchieren), dazu viel frische Ananas und eine halbe Grapefruit im Fruchtanteil. Etwas Ingwer dazu – und ich erhalte ca. 650 ml dickflüssigen Smoothie mit gut 360 Kalorien. Der Smoothie wird mit ein paar Tropfen Leinöl ergänzt.

 

 

 

 

 

 

 

Eine ähnliche Variante gab es gestern – mit Blattspinat und Mangold als Grünblattzutaten. Schmeckt etwas milder, und ähnlich exotisch.