Rain draped the sky in a twinkling shroud. May’s rain.
Thunder hammered along the rooftops, scared all the cats away. Thunder.
I opened the window, and a merry wind scattered everything on my desk -
Silly poems that I wrote in a clammy and miserable emptiness.

May’s thunder roared, and joy, in a sweeping, drunkening wave,
Rolled over: “Hey, get up, and jump in after me!
Get out into the yard and hop around the puddles till morning, if you want, -
Look at how the funny, blessed children are running about.

Droplets on my face – it’s only the rain, or maybe it’s me crying;
The rain cleansed everything, and my soul, sobbing, suddenly felt soaked through, -
It rolled down in a creek, away from home and towards the sunny, unsown plains,
Turning into vapor, it flew with the wind towards unknown, undiscovered worlds.

And then I imagined: the city suddenly filled with merry people.
Everyone came out into the rain and sang, and laughed… dammit!…
Having forgotten about all shame, and the possibility to fall sick with complications,
The people in the rain greeted thunder like fireworks; the very first spring thunder.

(DDT – „Dozhd – Rain“)

 

Sie war schon vor ein paar Tagen misstrauisch geworden.

Sie hatte bemerkt, dass Jan plötzlich unter einer gewissen Unruhe litt. Dass er nicht mehr richtig bei sich war, wenn er sie berührte. Dass sein Streicheln abwesend wirkte, fremd und irgendwie fahrig.

Gut, er versäumte nicht, ihre Futterschalen regelmäßig zu füllen. Die Toilette war mit frischem Streu gefüllt, und wenn Thalia sich an ihren Lieblingsplatz auf der Fensterbank zurückzog, wohin Jan liebenswerterweise eine kuschelige Decke gebreitet hatte, konnte sie ihn bei seinen geregelten Tagestätigkeiten beobachten. Eigentlich war also alles wie immer. Oberflächlich gesehen.

Thalia liebte geregelte Abläufe. Sie liebte es, sich abends an Jan zu kuscheln, sobald der sich unter seiner Decke zusammengerollt hatte. Sie liebte es ebenso, Jan morgens mit einem zärtlichen Stupser ihres Kopfes zu wecken. Rücksichtsvoll, wie sie nun einmal von Natur aus war, tat sie das nie vor der Zeit, zu der er sowieso aufstehen musste. Gemeinsam führte sie dann der erste Gang des Tages in die kleine Wohnküche, wo sich Jan einen Kaffee aufsetzte, bevor er ihr das Frühstück öffnete. Sie fraß genüsslich und in aller Ruhe, während Jan sich im Badezimmer grauenhaftes Wasser über den gesamten Körper schüttete. Thalia hatte gelernt, diese und auch so einige andere recht merkwürdige Angewohnheiten ihres menschlichen Mitbewohners zu tolerieren. Wie bereits gesagt, Thalia war eine äußerst rücksichtsvolle Katze.

Thalia stand an der Tür, wenn Jan sich nach draußen verabschiedete. Und sie stand es wieder, wenn er abends nach Hause zurückkehrte, um ihn mit lautem Schnurren zu begrüßen, ihre Art, ihn zu fragen, wie sein Tag verlaufen war. Wenn er dann später an seinem Schreibtisch oder auf dem Sofa saß, und seltsamen Abläufen auf großen Flächen folgte, die Thalia nicht wirklich interessierten, setzte sie sich gern neben ihn, genoss es, wenn er sie unter dem Kinn kraulte und berichtete ihm in ihrer eigenen Sprache, zu welchen Erkenntnissen sie ihr Tagesgeschehen gebracht hatte. Auch wenn er es nicht verstand, so war ihr das doch ein großes Bedürfnis. Menschen waren in vielerlei Hinsicht unzulänglich, aber Thalia sah großzügig darüber hinweg. Jan hatte so viele gute Eigenschaften, und sie liebte ihn heiß und innig dafür

An den Wochenenden nahm er sie häufig mit nach draußen.

Jan spielte gern stundenlang an seiner großen, stinkenden Maschine herum, die ihn morgens entführte und abends wieder nach Hause brachte. Thalia nahm dann in gebührender Entfernung ihren Beobachterposten ein und passte auf, dass ihm dabei nichts passierte. Wenn es ihr zu langweilig war, verschwand sie für ein paar Stunden in die Felder, die hinter ihrem Wohnhaus begannen und nirgendwo aufhörten. Dort spielte sie mit dem Kleingetier, was dort kroch und flog. Jan versäumte es nie, sie zu rufen, bevor er wieder in Haus zurückkehrte, mit einem lauten „Thaliiiiia“, und der Betonung auf dem langen „i“ in ihrem Namen, das sie liebte, wie alle Katzen diesen Laut lieben. Thalia kam, wenn er sie rief. Nicht, weil sie das musste – welch absurder Gedanke. Sie kam, weil sie wusste, wie sehr ihm das gefiel.

In den letzten Tagen war Jan von einer gewissen Unruhe erfasst worden.

Und er hatte damit begonnen, in der Wohnung seltsame Dinge zu tun. Auf einmal tauchten große Pappkartons auf, die er langsam mit Gegenständen füllte. Thalia hatte nichts gegen die Kartons. Solange sie noch leer waren, spielte sie Verstecken in ihnen. Leider schien Jan das weniger gut zu gefallen, und er hatte sie bereits zweimal deswegen angebrüllt. Für Thalia war das eine neue Erfahrung, denn Jan verlor selten sein ruhiges Gemüt, und dass er seine Stimme erhob, klang fremd für sie. Fremd – und auch irgendwie bedrohlich. Da Thalia aber kein Grund für eine Bedrohung einfiel, verbuchte sie Jans Ausbrüche unter den vielen Unzulänglichkeiten der Menschen und schenkte ihnen keine weitere Beachtung.

Dann kam der Tag, als Jan sie freundlich und dennoch fühlbar nervös heranlockte, sie packte und in einen Plastikbehälter steckte. Der Behälter roch neu und ungewohnt, und Thalia passte es dort überhaupt nicht. Jan reagierte jedoch nicht auf ihre laut vorgebrachten Beschwerden, packte den Behälter und trug ihn mit sich nach draußen, in die stinkende Maschine. Thalia war starr vor Angst. Sie vergaß sich und begann, ihr Unwohlsein und ihre Furcht laut herauszuschreien. Ihre Töne gingen jedoch in dem Lärm, den die Maschine von sich gab, unter. Jan jedenfalls schien sie gar nicht zu registrieren.

Die Fahrt schien sich endlos hinzuziehen. Irgendwann verstummte die Maschine, und auch das merkwürdige Ruckeln hatte aufgehört. Der Behälter wurde gepackt und aus der Maschine getragen. Thalia, die sich ganz schwindelig und verschreckt in die hinterste Ecke des Behälters zurückgezogen hatte, fühlte sich auf einmal unsanft auf den Boden gesetzt. Und dann wurde die Tür des Behälters geöffnet. Licht dran herein, und eine gewisse Freundlichkeit. Thalia hörte, wie ihr Name gerufen wurde. Und es war Jan, der sie rief. Sie beschloss, ihre Furcht zu überwinden und kroch vorsichtig hinaus.

Tatsächlich, es war Jan, der da direkt vor ihr stand. Erleichtert sprang sie auf ihn zu und rieb sich glücklich an seinen Beinen. Dann war ja alles in Ordnung!

Neben Jan standen weitere Menschen. Ein männlicher großer, eine weibliche große und zwei halbgroße Menschen undefinierbaren Geschlechts. So etwas kannte Thalia. Jungmenschen liebten sie, diese Erfahrung hatte sie schon häufiger gemacht, wenn Jan welche in ihre gemeinsame Wohnung ließ. Die Jungmenschen waren laut, hektisch und ihre Bewegungen nur schlecht koordiniert – aber sie waren entzückend in ihren offenen Liebesbekundungen. Dies bewahrheitete sich auch jetzt, denn die Jungmenschen stießen bei Thalias Anblick entzückte Laute aus und kamen näher, um sie zu streicheln. Thalia ließ es geschmeichelt geschehen. Sie nahm auch die Einladung an, zwei in ihrer Nähe platzierte Futterschüsseln näher zu inspizieren. Wie überaus aufmerksam!

Die Wohnung, in der sie sich befand, roch fremd und aufregend. Sie roch nach den Menschen, die sie gerade begrüßt hatten, und sie roch so überhaupt nicht nach Katze. Von den Menschen neugierig beobachtet, startete Thalia ihre Erkundungstour. Die Wohnung schien viel größer zu sein als die Behausung, die sie mit Jan teilte. Außer einer großen Küche gab es ein Zimmer, um sich auf herrlichen Polstermöbeln auszustrecken. Dann gab es zwei kleinere Zimmer, in denen die Jungmenschen nächtigten, und ein großes Zimmer, wo sich anscheinend die beiden alten Menschen zum Schlafen niederlegten. In einem weiteren Raum, der über eine großzügige Aussicht auf Felder da draußen verfügte, erblickte Thalia direkt über einer einladenden Wärmequelle eine kuschelige Decke. Als sie diese Decke näher in Augenschein nahm, fiel ihr gleich auf, dass sie nach ihr, Thalia, roch. Richtig, das war die Decke, die sie von daheim kannte. Irgendwie beruhigte sie dieser Geruch, denn er verband sie mit dem Vertrauten aus Jans und ihrem Zuhause.

Thalia erkundete die Wohnung ausführlich und intensiv. Dann kehrte sie in die Küche zurück, um eine kleine Stärkung zu sich zu nehmen. Als sie sich umschaute, um Jan darauf aufmerksam zu machen, dass es nun aber bald Zeit würde für das Abendritual, war er verschwunden. Sie suchte die gesamte Wohnung genauestens nach ihm ab. Aber da war nichts mehr, was auf ihn hindeutete. Jan war fort. Sie war noch da. Sie beschloss, auf ihn zu warten.

***

Thalia wartete geschlagene zwei Wochen darauf, dass Jan zurückkehrte, um sie zu holen. Sie ließ es in der Zwischenzeit zu, dass die beiden Jungmenschen sich rührend um ihr Wohlbefinden kümmerten. Sie gestattete es den Menschen in dieser Fremdwohnung, sie zu berühren, sie zu streicheln und ihr die erforderliche Referenz an ihr Katzendasein zu geben. Sie nahm die Nahrung an, die man ihr hinstellte. Und sie schlief nächtens auf der Decke, die so schön nach daheim roch. Nie suchte sie jedoch die Schlafstätten auf, die die Fremdmenschen benutzten. Häufig fand man sie auf der Fensterbank, wo sie träumend hinausschaute. Hätten die Menschen ihre Gedanken lesen können (Menschen sind so was von unzulänglich!), dann hätten sie bemerkt, dass sie einfach nur wartete. Sie wartete auf Jan, denn sie vermisste seine Stimme, seinen Geruch, seine Berührungen. Sie vermisste ihre gemeinsamen Rituale. Sie vermisste es, sich des Nachts an ihn zu kuscheln und ihn morgens zu wecken. Ja, sie vermisste es sogar, von ihm angeschrieen zu werden. Sie vermisste ihn vollkommen.

Dann kam der Tag, als die Jungmenschen beschlossen, Thalia mit nach draußen zu nehmen. Es war ein recht kalter Tag, aber die Sonne schien einladend und die Luft roch nach Abenteuern. Die Jungmenschen tollten durch etwas, was sich bei genauerer Inspektion durch die vorsichtige Katzennase als besonders kalte Form des Abscheu erregenden Wassers erwies. Angeekelt schüttelte Thalia den Kopf, und besah sich dann die Umgebung. Und auch wenn sie in nicht allzu weiter Ferne stinkende Maschinen erblickte, so war dies doch nicht die vertraute Umgebung, die sie kannte. Sie blickte auf in das unendliche Blau über sich, sie fühlte die Strahlen der Sonne auf ihrem Fell, sie gab ihrer Sehnsucht nach Jan etwas Raum – und plötzlich empfand sie einen Ruf nach Hause, der so deutlich war, als hätte ihn jemand direkt neben ihr laut ausgesprochen.

Und sie wusste auf einmal, was sie zu tun hatte. Eine unsichtbare Macht hatte ihr den Weg nach Hause mit deutlichen Strichen unübersehbar mitten in ihren Kopf gezeichnet. Und diese neue Information ließ ihre Sehnsucht übermächtig werden. Sie schenkte den beiden Jungmenschen, die gerade hinter einer großen Menge Schnees fast verschwunden waren, keinen zweiten Blick mehr. Stattdessen blickte sie nach vorn, in diese Felder, die kein Ende zu nehmen schienen. Thalia wusste es jetzt besser: Am anderen Ende der Felder, davon überzeugte sie das innere Sehnen, befand sich ihr Haus. Dort würde sie die stinkende Maschine vorfinden, an der Jan so gern herumbastelte. Und er würde ihrer ansichtig werden, sie rufen, und sie würde seinem Ruf folgen. Und alles würde wie immer sein. Als Thalia an diesem Punkt ihrer Träumerei angelangt war, lagen zwischen ihr und dem Haus der Fremdmenschen bereits mehrere Hundert Meter. Thalia hatte ihre Heimreise angetreten.

Der erste Tag verlief relativ ereignislos, wenn man von vielen neuen Geräuschen, Gerüchen und Gefahren einmal absah. Thalia verfolgte stur den ihr inne wohnenden Plan, und ließ sich durch nichts davon abbringen. Sie war das lange Laufen nicht gewöhnt, aber weil sie sich auf nasser Erde bewegte, schmerzten nur ihre Muskeln. Thalia ignorierte dies und verzichtete auf unnötige Verschnaufpausen. Hin und wieder ließ sie sich dazu herab, das gefrorene Wasser aufzulecken. Nahrung vermisste sie nicht.

Als es Nacht wurde, fand sie eine verlassene, hölzerne Behausung, die immer noch leicht nach den Menschen roch, die sie einst zusammengezimmert hatten. Warm war sie nicht, aber immerhin trocken und von Wind und Wetter geschützt. Dort rollte Thalia sich zusammen und vermisste vor dem Einschlafen kurz die kuschelige Decke, die sie immer so schön an daheim erinnert hatte. In der Nacht wachte sie kurz auf und wanderte nach draußen, um sich dort zu erleichtern. Die fremden Gerüche verschreckten sie nicht, sondern schienen sie an etwas längst Vergangenes zu erinnern. Thalia konnte im Dunkeln gut sehen, eine Eigenschaft, die sie daheim so gut wie nie gebraucht hatte. Jetzt kam sie ihr zugute. Sie erkannte allerlei kleine Tiere, die sich in den Feldern bewegten. Ganz weit in der Ferne schienen kleine Lichter, die auf weitere menschliche Behausungen hindeuteten. Die Kälte gab leise, klirrende Geräusche von sich. Alles verriet die Ordnung der Natur, und befriedigt kehrte Thalia in den kleinen Schuppen zurück und legte sich erneut zum Schlafen nieder.

Am zweiten Tag tötete Thalia ihre erste Maus. Sie schlang das kleine Tier herunter und würgte kurz, als dessen winzige Knochen ihre Speiseröhre kitzelten. Niemand hatte ihr verraten, dass sie dieses Tier essen konnte, um ihren Hunger zu stillen. Sie gehorchte dem inneren Plan, der sie führte. Nach der Mahlzeit lief sie weiter, ein wenig verwundert über sich selbst.

Die zweite Nacht hätte Thalia gern in der Nähe der Menschen verbracht. Etwas in ihrem Inneren sehnte sich nach den so unzulänglichen, doch gleichzeitig so vertrauten Gefährten. Als es dunkel wurde und Thalias Muskeln ihr verrieten, dass sich ihr heutiger Einsatz definitiv seinem Ende näherte, hatte sie gerade eine einladend leuchtende menschliche Behausung erreicht, deren Türe sich in diesem Moment öffnete, um einen gerade heimkehrenden Menschen aufzunehmen. Doch als Thalia neben diesem Menschen in die Wärme hineinflüchten wollte, wurde sie böse überrascht. Der Mensch erblickte sie, und statt dass er ihr die fällige Referenz an ihr Katzendasein erwies, begann er doch tatsächlich, nach ihr zu treten und in wütendes Gebrüll auszubrechen! Pikiert suchte Thalia das Weite, bis sie nach einer Weile wieder einen Schuppen fand, der ihr für die Nacht ein kaltes, aber sicheres Obdach bot. Sie schlief trotz der erlittenen Demütigung schnell ein, denn in ihr glühte weiterhin ihr Ziel. Das letzte Bild, was vor ihrem inneren Auge erstand, war Jans Bett, in das sie sich glücklich einkuschelte.

Am dritten Tag fand Thalia keine Maus, die sich von ihr bereitwillig fressen ließ.

In der dritten Nacht erschien keine menschliche Behausung vor ihren Augen. Sie schlief unter einem Baum, dessen Wurzeln sie notdürftig vor der allgegenwärtigen Kälte abschirmten.

Den vierten Tag lief Thalia wie in Trance, einfach dem inneren Wegweiser folgend. Sie lief über Felder und durch ein paar kleinere Waldstückchen, in denen sie jedoch ein paar Würmer fand. Auch diese waren essbar.

Die vierte Nacht verbrachte Thalia unter freiem Himmel. Es war kalt, und ihre Pfoten brannten. Kurz vor dem Einschlafen beschlich sie das Gefühl, sie könnte sich in Bezug auf ihren inneren Wegweiser geirrt haben.

Also änderte sie am fünften Tag ihre Richtung. Ihre Laufgeschwindigkeit verringerte sie jedoch nicht.

Am fünften Abend versank sie völlig übermüdet in Schlummer, ohne ihre allabendliche Toilette durchzuführen.

Am sechsten Tag war ihr ihr Aussehen völlig egal. Sie erleichterte sich an einem Feldrand, ohne ihre Exkremente hinterher zuzuscharren, denn ihre Pfoten schmerzten längst zu sehr dafür.

Die sechste Nacht verbrachte sie mitten auf einer stinkenden Maschine, die erst kürzlich ihren aktiven Dienst eingestellt hatte und immer noch eine in Thalias Augen anheimelnde Wärme ausstrahlte. Sie wurde erst geweckt, als der zu der Maschine gehörende Mensch die Maschine am nächsten Morgen mit lautem Getöse zu neuem Leben erweckte. Zu Tode erschrocken flüchtete sie sich in das nahe Gebüsch und setzte ihren Weg erst fort, als sich ihr Herzschlag wieder auf einen normalen Rhythmus eingependelt hatte.

Am siebten Tag wurde sie zweimal beinahe von einer stinkenden Maschine überfahren, und ihr prägte sich ein unbändiger Hass auf diese Maschinen ein, die auch ihre Erinnerung an Jan und seine Maschine nicht mehr entfernen konnte.

In der siebten Nacht – sie fand keinen Schlaf mehr – erreichte sie die Stadt.

Am achten Tag wurde sie von johlenden Jungmenschen mit Steinen beworfen und von einem älteren Fremdmenschen von einer sehr einladend riechenden Tonne verjagt, die ihr durch ihren Geruch Nahrung versprochen hatte.

Die achte Nacht verbrachte sie, inzwischen permanent leicht zitternd, auf einem Hausdach dicht an einen Kamin gekuschelt, der Wärme abgab. WÄRME! Ihre Erinnerungen verloren sich langsam, und sie konnte das Gefühl der WÄRME nicht mehr mit einer Begebenheit aus ihrer Vergangenheit assoziieren. Immer noch aber war sie davon überzeugt, dass sie am Ende ihres Weges eben diese WÄRME mit all ihren Behaglichkeiten erwartete.

Am neunten Tag ihrer Reise wurde sie von liebevollen Fremdmenschen gefüttert, die Mitleid mit dem räudigen Geschöpf hatten, das einst eine stolze Vertreterin ihrer Art gewesen war. Kurz überlegte Thalia, diese Gastfreundlichkeit noch etwas länger in Anspruch zu nehmen. Als ihre Kräfte jedoch zurückkehrten, sah sie wieder das Bild von Jan vor sich, und Thalia beschloss ohne zu zögern, ihren Weg weiter fortzusetzen.

In der neunten Nacht fühlte sie sich plötzlich ihrem Zuhause ganz nahe, und sie schlief nicht.

Am zehnten Tag erkannte sie, dass ihr Gefühl sie betrogen hatte. Sie beklagte sich jedoch nicht, sondern lief weiter.

Auch die elfte Nacht lief sie durch.

Am zwölften Tag erreichte sie schließlich ihr Ziel.

***

Das Geschöpf, das sich auf einmal in vertrauten Gefilden wieder fand, glich der einstmals so schönen Katze, die Thalia einmal gewesen war, nicht um ein Haar.

Ruppig war das Fell geworden, und so mancher Stacheldrahtzaun hatte Löcher in die tigerhaften Muster auf ihrem Rücken gerissen. Das ehemals so zarte und daunige Bauchfell war verfilzt, und der Körper auf einen Bruchteil seines ursprünglichen Gewichts abgemagert. Außerdem beherbergte die bemitleidenswerte Gestalt zahlreiche neue, penetrante kleine Gäste, die ihre widerwärtig-winzigen Stachel in die nun raue und ruppig gewordene Haut bohrten, um an das Blut darunter zu gelangen. Die Katze, die einst Thalia gewesen war, registrierte dies nur noch am Rande.

HIER war sie richtig.

Dies war der Ort, an dem Jan immer an seiner stinkenden Maschine gebastelt hatte… und hier ganz in der Nähe war der Eingang zu ihrem Zuhause…

Und jetzt müsste Jan vor ihr stehen… und sie rufen… damit sie gemeinsam nach drinnen gehen könnten, um zu essen und dann zu ruhen… mein Gott, sie war soooo müde…. Und sie schaute an sich herunter, erkannte plötzlich, in welchem Zustand sie sich befand… es war wirklich Zeit, sich ins Bett zu kuscheln, oder zumindest auf die Decke, die so schön nach Zuhause roch… wo war denn nur Jan? Es war doch alles richtig, was sie empfand? Warum rief er sie dann nicht? Sie war doch hier! Alles stimmte. Ihr innerer Wegweiser hatte sie nicht betrogen. Sie war am Ziel. Hier war ihr Zuhause. Hier fühlte sich alles nach Zuhause an.

Die Katze, die einst Thalia gewesen war, schaute sich um. Und sie erkannte, dass sich in ihre Erinnerungsmuster Fehler eingeschlichen hatten. Dort in der Ecke hätte Jans stinkende Maschine stehen müssen – doch die Ecke war leer.

Hier war der Eingang zu ihrem Zuhause. Die Tür stand offen, also schlich sie sich ungefragt – und ungerufen – hinein. Ja, sie hatte sich nicht geirrt. Ihre Sinne täuschten sich nicht. Nur – die Wohnstätte war verlassen.

Thalia schlich durch die Zimmer ihrer einstigen Behausung. Nichts war mehr da, was sie an früher erinnerte, bis auf ein paar hartnäckige Gerüche. Hier war einmal die Küche gewesen, in der Jan sie immer morgens gefüttert hatte. Gleich nebenan das Badezimmer, wo er sich immer dieses unsägliche Wasser übergeschüttet hatte. Thalias Geruchssinn erspürte, dass hier schon sehr lange Zeit kein Wasser mehr geflossen war. Im Raum daneben fehlte das bequeme Sofa, auf das sich Jan immer am Ende seines Tages hatte fallen lassen. Und natürlich war die bequeme Decke, die so schön nach ihnen beiden und nach ZUHAUSE roch, auch nicht mehr an ihrem gewohnten Platz.

Das Bett fehlte. Kein Platz mehr, an dem man sich zur Nacht einrollen konnte. Keine Schüsseln mehr in der Küche, die Nahrung für Thalia bereithielten. Das Zuhause war keines mehr. Thalia versuchte einmal mehr, Jans Spuren zu lokalisieren, aber da war nicht mehr viel zu erspähen. Die Spuren waren kalt. Jan war schon lange nicht mehr hier gewesen.

Er war verschwunden.

An diesem Punkt versagten Thalias Sinne ihren Dienst.

Sie entfernte sich aus der Behausung, die nicht mehr die ihre war. Die nahen Felder versprachen Trost. Das Ende ihrer Reise war erreicht, und Thalia war plötzlich ganz unaussprechlich müde.

Und auf einmal störte sie die allgegenwärtige Kälte nicht mehr. Sie spürte nicht mehr die Schmerzen in ihren Pfoten, in die der Asphalt auf dem Weg hierher tiefe und blutige Spuren gezogen hatte. Sie spürte wohl noch das letzte Aufbäumen ihres Herzens, das plötzlich in Flammen zu stehen schien und sie mit einer wohligen Wärme überzog.

Thalia legte sich zum Schlafen nieder. Hier war sie sicher. Hier würde sie niemand finden, es sei denn, er würde durch seines Herzens Schritte gelenkt. Sie ergab sich dem Schlaf, und sie fand Trost in den letzten Bildern, die ihr Herz ihr in einer letzten Anstrengung übermittelte. Jan stand plötzlich vor ihr, und er rief ihren Namen.

Während eine ihr unbekannte Hand über ihren schäbigen Körper strich, seufzte Thalia noch einmal schnurrend auf. Ergab sich dem inneren Bild, und folgte dann einem Ruf, den nur sie noch hörte.

(2005)